Netzneutralität: Deutsche Telekom will von Start-ups Umsatzbeteiligung

30. Oktober 2015, 07:21
220 Postings

Auch "3" in Österreich nicht abgeneigt – kleine Unternehmen sollen Gegenleistung für Spezialdienste erbringen

Das Europaparlament hat seine Entscheidungen zu Netzneutralität und Roaming gefällt – und beide Beschlüsse stoßen auf deutliche Kritik. Statt, wie es etwa die amerikanische FCC getan hat, strikt an der Gleichbehandlung allen Datenverkehrs festzuhalten, wurden Schlupflöcher geschaffen, die die Bevorzugung bestimmter Dienste ermöglichen.

Das hat bereits erste Vorstöße von verschiedenen Unternehmen zur Folge. Darunter etwa die Deutsche Telekom. Sie kann sich laut Handelsblatt vorstellen, Start-ups via Umsatzbeteiligung zur Kasse zu bitten.

Telekom-Chef sieht guten Kompromiss

Konzernchef Höttges sieht die parlamentarisch abgesgnete Regelung als Kompromiss zwischen Wirtschaftsinteressen der Telekom-Betreiber, Internet-basierten Unternehmen und "teilweise fundamentalistischen Netzaktivisten." Spezialdienste, wie die Richtlinie erlauben würde, kann er sich etwa für Videokonferenzen, Spiele, Verkehrssteuerung und andere Bereiche vorstellen, da hier bessere Verbindungsqualität erforderlich sei, als beim einfachen Browsen.

Seiner Ansicht nach werden Unterscheidungen wie diese ohnehin bereits im Alltag umgesetzt. Immerhin würden die Nutzer heute schon Anbieter für mehr E-Mail-Speicherplatz oder Videos in besserer Qualität bezahlen.

Umsatzbeteiligung als "fairer Beitrag"

Zur Kasse bitten will er nun Start-ups, da diese oft Spezialdienste bräuchten, um mit den Branchengrößen konkurrieren zu können. Anstelle von fixen Gebühren sollen sie für die Nutzung der Telekom-Infrastruktur "ein paar Prozent" ihres Umsatzes als "fairen Beitrag" beisteuern. Dass sich dies negativ auf den Wettbewerb auswirken oder ihre Position gegenüber größeren Konkurrenten schwächen würde, befürchtet er hingegen nicht.

Gerade mit diesem Vorschlag dürfte er die Befürchtungen vieler Kritiker der neuen Richtlinie bestätigen, die derlei Vorhaben als eine Art "Wegzoll" sehen. Diese warnen schon länger davor, dass nicht nur den Endnutzern droht, für bislang selbstverständliche Internetnutzung zusätzlich zur Kasse gebeten zu werden, sondern auch Anbieter von Internetdiensten. Dies sei auf lange Sicht für den Wirtschaftsstandort im Hinblick auf die Entwicklung einer konkurrenzfähigen Start-up-Szene schädlich.

Auch bei "3" wird nachgedacht

Nicht nur deutsche Telekom-Unternehmen können sich neue Ertragsmodelle vorstellen. In Österreich denkt auch Mobilfunkprovider "3" über "Kooperationen mit kleinen Unternehmen und Start-ups" nach, wie der Konzern gegenüber der Futurezone angibt.

T-Mobile hat sich zur Thematik noch nicht geäußert, A1 sagt, dies wäre aktuell "kein Thema". Vor einem Jahr erklärte allerdings der damalige A1-Chef Hannes Ametsreiter noch zu einer Frage hinsichtlich des Bandbreitenbedarfes von Netflix und Co., dass er sich durchaus vorstellen könnte, Diensteanbieter für bessere Leitungen zur Kassa zu bitten.

RTR muss Richtlinie exekutieren

Telekom-Betreiber lobbyierten im Vorfeld der Entscheidung massiv gegen strenge Richtlinien und waren damit offenbar erfolgreich. Die Exekution der umstrittenen Regeln auf nationaler Ebene wird dabei den Regulierungsbehörden übertragen. Die österreichische RTR zeigte sich ob Beschluss und Vorgehensweise wenig erfreut. (gpi)

Update, 14:50 Uhr: Auch bei "3" hegt man ähnliche Pläne, wie bei der Deutschen Telekom, ohne allerdings Modalitäten zu konkretisieren. Der Artikel wurde entsprechend aktualisiert.

  • Benötigen Start-ups "Sonderdienste", will die Deutsche Telekom an ihren Umsätzen mitschneiden.
    foto: cc0/public domain

    Benötigen Start-ups "Sonderdienste", will die Deutsche Telekom an ihren Umsätzen mitschneiden.

Share if you care.