Die alpine Kletterjacke auf dem Luxuskreuzer

Kolumne1. November 2015, 15:00
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Billig ist sie nicht, die Vier-Jahreszeiten-Jacke von Peak Performance. Den Härtetest bestand sie aber mit Bravour

Ob ich schon wisse, wie ich heuer Ski fahren würde, hatte die Dame von der PR-Agentur gefragt. Also: Ob ich schon wisse, was ich dabei tragen würde. Noch bevor ich "das Zeug vom Vorjahr wird ja nicht schlecht" antworten konnte, kam die Einladung. In den Showroom der Agentur. Man habe ein paar Outfits.

Die Agentur vertritt einige sehr bekannte Marken im Luxus-Fashion-Segment. Aber auch einige, deren Produkte in meiner Welt eine Rolle spielen. Peak Performance zum Beispiel: ein Das-Gegenteil-von-billig-High-End-Outdoorlabel.

Natürlich bitten Agenturen nicht aus Sympathie zur Anprobe. No na. Es geht um Präsenz (und Hashtags) in den Bildersammlungen sozialer Medien: Ich kenne etliche Instagrammer (vor allem aber -innen), die für Selfies mit irgendwelchen Teilen nicht bloß eingeladen und ausgestattet, sondern auch gut bezahlt werden. Pro Bild. Auch wenn ich die Kosten-Nutzen-Rechnung der meisten Instagram-Bild-Kampagnen kundenseitig nicht verstehe, gratuliere ich jedem und jeder, die davon leben kann.

Egal. Im Innenstadt-Showroom passten mir zwei Outfits. Ein Ski-Dings. Und eine knallorange Kombi. Mir zum Skifahren eine Spur zu 90er-knallig – aber als ich der Agenturdame erzählte, dass ich demnächst (für ein Reisefachmagazin) bei der Eröffnungskurzausfahrt eines Kreuzfartschiffes von Hamburg nach Irgendwoindernordsee eingeladen sei, meinte sie: "Da wird es sicher windig. Nimm doch auch die orange Jacke." Na gut. Bevor man mich prügelt …

foto: thomas rottenberg

Hochseilgarten & Kreuzfahrtschiff

Das Kreuzfahrtschiff ist die "Norwegian Escape". Ein brandneuer und hochluxuriöser 4.500-Passagiere-Kübel der US-Reederei Norwegian Cruises. Das Fachpublikum war begeistert. Und mir rund drei Stunden nach der Ausfahrt aus dem Elbkanal so richtig stinklangweilig. Das Wetter war der Jahreszeit entsprechend. Frisch. Windig. Nass. Vor allem dort, wo man sich nicht hinter irgendwelchen Windschutzwänden verstecken konnte. Zum Beispiel im Hochseilgarten.

foto: thomas rottenberg

Der Hochseilgarten steht auf dem Achterdeck der "Escape". Er ist ein etwa drei Stockwerke hohes Gerüst, das auf dem Dach eines rund 20 Stockwerke über das Meer ragenden Hochhauses errichtet wurde. Es gibt einen Flying Fox, der einen (fast) übers offene Meer schwenkt. Und nach Back- und Steuerbord ragt jeweils eine Stahltraverse ein paar Meter seitlich über die Reling. Angeblich "für die ganz Mutigen" – obwohl die Gefahr, im Schiff über eine Treppe zu stolpern um ein Vielfaches höher ist, als sich hier oben (festgezurrt in einem mit Spezialschlüssel-Karabinern versperrten Ganzkörper-Klettergeschirr und doppelt in der Führungsschiene gesichert) mehr als einen Schnupfen einzufangen.

foto: thomas rottenberg

Aber: Hier oben pfiff es wirklich. Und hier war ich glücklich: keine Beschallung, keine Bespaßung, frische Luft – und außer ein paar Ölbohrplattformen und hin und wieder einem Containerschiff nur der Blick über die fast verwaisten Entertainmentdecks. Ich kletterte so hoch es halt ging – und saß dann mindestens eineinhalb Stunden einfach nur da.

foto: thomas rottenberg

In solchen Momenten liebe ich hochwertige Funktionskleidung. Weil ich dann, wenn sie funktioniert, vergesse, dass sie überhaupt da ist: Unter mir jammerten ein paar Reisebüro-Agents über den frischen Durchzug durch ihre Premierenfahrt-Schickimicki-Klamotten. Über klamme Finger. Über Feuchtigkeit, die der Wind binnen Minuten kalt und nachhaltig elend durch die Jacken in die Knochen presste. Dabei waren sie eh mit allem angedirndelt, was sie dabei hatten. Nur: Die Klettergurte verschoben das Gewand. Bei jeder Bewegung war irgendeine Naht, ein Kragen oder eine Applikation im Weg. Oder der Gurt riss Knöpfe ab. Schals wehten – und ließen Strangulationängste blühen.

foto: thomas rottenberg

Nur ich saß (oder stand oder krabbelte) in meiner orangen Jacke da oben herum, hörte nur ab und zu, wie meine Kapuze im Wind knatterte – und fühlte mich schlicht und einfach pudelwohl: Mütze, T-Shirt, dünne Fleecejacke, Hard-Shell. Das genügt. Weil klitzekleine Details aus einer Regenjacke Outdoorgewand machen.

thomas rottenberg

Meine Peak-Jacke heißt "Black Light 4-Jahreszeiten-Jacke" – und sie hielt, was man mir versprochen hatte: Sie hat – unter anderem – Daumenschlaufen und zwei Gummizüge, die den Wind auch beim Tragen dicker Handschuhe nicht in die (sinnvoll vorgeformten) Ärmel lassen. Dann gibt es schnell und mit einer Hand verstellbare Kordelzüge an der Kapuze und dem unteren Saum, eine Kapuzenkrempe mit eingezogenem Draht, Taschen, die trotz Klettergeschirr (oder Rucksackgurt) erreichbar bleiben – und spezielle Einsätzen unten an den Seiten, die auch den Kontakt mit Gurt- und Ausrüstungszeug locker überstehen. Und so weiter.

foto: thomas rottenberg

Wenn man hin und wieder im Herbstwald bei Nieselregen ein bisserl spazieren geht, ist all das natürlich vollkommen überflüssig und wurscht. Aber auf dem "Mast" eines Schiffes, das mit – angeblich – voller Fahrt bei mäßigem Wetter unterwegs ist, sind Begriffe wie "Wassersäule" (damit beschreibt man den Wasserdruck, dem die Membran gerade noch standhält, in diesem Fall: 28.000 mm) oder state-of-the-art-"wind- und wasserfeste Reissverschlüsse" dann doch relevant.

thomas rottenberg

Und auch wenn man auf einem Kreuzfahrtschiff mit weniger potentem Gewand halt nicht über eineinhalb Stunden, sondern nur zehn Minuten ins graue Nichts rundum glotzen würde, wäre das am Berg (und wohl auch beim Segeln ) schon bei einer nur einen Tag dauernden Tour wieder ganz anders: Da kann die Stabilität, also die Reißfestigkeit einer Jacke, bei miesem Wetter im allerschlimmsten Fall über Leben und Tod entscheiden. Und wenn da Fasern verarbeitet sind, die man sonst auch in Angelschnüren, Kletterseilen und Fischernetzen findet, macht das den Unterschied zu jenem Zeug mit aus, das man beim Sonntagnachmittags-Spaziergang mit der Oma im Kurpark Oberlaa auspackt, wenn beim Wienerberg Regenwolken aufziehen.

Freilich: Um das Geld, das die "Black Light 4-Jahreszeiten" von Peak Performance kostet, lässt sich anderswo eine Kleinfamilie wetterfest verpacken: 600 Euro sind mehr als ein stolzer Preis.

Aber ganz ehrlich: Als ich oben auf dem Klettergerüst eineinhalb Stunden im Wind stand und nur aufs Meer hinausschaute, habe ich auch darüber nicht eine Sekunde nachgedacht. (Thomas Rottenberg, 1.11.2015)

foto: peek performance
Black Light 4-Jahreszeiten von Peak Performance, 600 Euro.
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