Krebs-Experten orten "Paradigmenwechsel"

29. Oktober 2015, 13:34
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Was die Onkologie betrifft, rücken Grundlagenforschung und klinische Forschung näher zusammen, betonen Wissenschaftler

Wien – In Sachen Krebs orten Wiener Grundlagenforscher und klinisch tätige Wissenschaftler einen "Paradigmenwechsel". Erstmals würden biologische Systeme, die zu solchen Erkrankungen führen, vom Labor über Tiermodelle und bis zum Menschen ganzheitlich erklärbar werden, hieß es Mittwochabend bei einem Hintergrundgrundgespräch des Comprehensive Cancer Center (CCC) von MedUni Wien und AKH.

Im Grunde genommen geht es um eine ganze Reihe von einander mittlerweile mehr oder minder ergänzenden Veränderungen: Identifizierung von immer zahlreicheren spezifischen Charakteristika einzelner Krebserkrankungen und gezielte Therapien, Abschätzung des Krankheitsverlaufes auf der Basis von Genuntersuchungen sowie die Möglichkeiten der neuen Immuntherapien.

Hoffnungsträger Immuntherapie

"Bei Brustkrebs gelingt es, immer mehr verschiedene Arten der Erkrankung zu charakterisieren. Wir können derzeit zwölf verschiedene Krankheitsarten unterscheiden. Für vier Untertypen von Brustkrebs gibt es tatsächlich auch schon unterschiedliche Behandlungsstrategien", sagte Michael Gnant, stellvertretender Leiter des CCC und Chef der Chirurgischen Universitätsklinik in Wien.

Was noch hinzu käme, wie Gnant betonte: "Wir können das Ansprechen auf die Behandlung vorhersagen. Das hat ganz konkrete Konsequenzen. Und seit wenigen Jahren haben wir eine dramatische Entwicklung zum Thema Immuntherapie, bei Brustkrebs allerdings weniger." Bei der neuen Immuntherapie wird mit monoklonalen Antikörpern versucht, jene Bremsen zu lösen, welche Tumorzellen dem Abwehrsystem des Patienten verpassen, um dessen Angriff zu entkommen.

Monoklonale Antikörper

Mittlerweile würden bei manchen Krebserkrankungen im fortgeschrittenen Stadium "50 oder 60 Prozent" der Patienten längerfristig überleben, betonte Josef Penninger, Chef des Instituts für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Er hat ehemals erste Studien zum RANKL-Signalweg in Sachen Knochenstoffwechsel, zu Immun-Checkpoint-Mechanismen etc. an Mäusen durchgeführt.

Derzeit läuft eine Studie des Österreichischen Brust- und Darmkrebs-Forschungsnetzwerkes (ABCSG) zu der Frage, ob die Hemmung von RANKL mit dem Biotech-Osteoporosemedikament Denosumab auch einen Effekt auf die Entstehung von Metastasen bei Brustkrebs hat. Die Daten dazu sollen demnächst vorliegen.

Das von Penninger mitbegründete Biotech-Unternehmen Apeiron hat gemeinsam mit einem Netzwerk von österreichischen und europäischen Spezialisten einen monoklonalen Antikörper zur Behandlung des Glioblastoms bei Kindern bis zur Wirksamkeitsprüfung und zum Zulassungsantrag bei den Arzneimittelbehörden gebracht. "Die Überlebensrate wird damit mehr oder minder verdoppelt."

Wissen schafft Wirtschaft

Für Brustkrebspatientinnen ebenso wichtig wie neue Medikamente ist die genaue Abschätzung des zu erwartenden Krankheitsverlaufes, um ihnen möglicherweise unnötige Therapien zu ersparen. "Wir untersuchen mit einem Gentest die DNA-Expression von verschiedenen Genen (50; Anm.). Unser Augenmerk liegt auf postmenopausalen Brustkrebspatientinnen mit frühen, hormonsensitiven Tumoren. Wir testen, ob die chirurgische Entfernung des Tumors und die antihormonelle Therapie ausreichend ist oder ob eine zusätzliche Chemotherapie nötig ist", so Martin Filipits, Molekularbiologe am Krebsforschungsinstitut der MedUni Wien.

Bei diesen Patientinnen kann der Verlauf der Erkrankung, je nach molekularbiologischer Charakteristik sehr unterschiedlich sein. Deshalb bieten die Gentests noch eine zusätzliche Information für die Therapiewahl.

Insgesamt gibt es derzeit – um der Verknüpfung von Grundlagen- und Anwendungsforschung entgegen zu kommen – in Wien zunehmend die Tendenz, die Life Science Forschungseinrichtungen (MedUni Wien, IMBA und CeMM) stärker zusammenwachsen zu lassen. Eines ist laut Penninger klar: Hotspots der Wissenschaft sind international "eins zu eins" auch die ökonomisch erfolgreichsten Regionen. Auch Zuwanderung aus dem Ausland schaffe ökonomischen Erfolg. (APA, 29.10.2015)

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