Adoptiert und einsam – trotz liebevoller Familie

Kolumne1. November 2015, 17:00
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Ist mein Kind so temperamentvoll, weil es adoptiert ist? Jesper Juul sieht Ursachen in einer existenziellen Einsamkeit und geringem Selbstwert

Frage

Wir sind eine vierköpfige Familie mit Vater, Mutter, Sohn (12) und Tochter (10). Beide Kinder sind adoptiert. Wir sehen uns vor eine Herausforderung gestellt, von der wir mittlerweile nicht mehr wissen, wie wir sie bewältigen sollen. Wir brauchen Hilfe.

Unser Sohn war immer sehr temperamentvoll. Über die Jahre, vom Kindergarten bis zum Schulalter, haben wir ihm beigebracht, sich zu beherrschen. Normalerweise ist er süß, empathisch, intelligent, gut in der Schule, sehr computerinteressiert, zeichnet viel und gut und macht gern Sport. Und er hat auch gute Freunde.

Seine heftigen Wutausbrüche sind eigentlich seltener geworden. Allerdings erleben wir ihn als unkontrolliert und haben keinen Zugang zu ihm, wenn es passiert. Er bäumt sich förmlich auf.

Diese Situationen können durch winzig kleine Dinge ausgelöst werden. Zum Beispiel: Seine Schwester borgt ihm keinen ihrer Radiergummis am Morgen, am Nachmittag ist sie zwar nett zu ihm, aber borgt ihm keinen Bleistift … das endet damit, dass er sehr wütend wird und sich nicht mehr kontrollieren kann. Wir können ihn nicht beruhigen, und er steht kurz davor, gewalttätig zu werden.

Es hört sich vielleicht wie ganz normale Geschwisterrivalität an, aber wir sind trotzdem besorgt, weil er so unkontrolliert ist. Wir haben auch oft versucht, mit ihm darüber zu sprechen, aber wir finden keinen Zugang. Mein Mann und ich sind beide Pädagogen. Wir sind also nicht ganz unerfahren, auch schwierige Situationen zu meistern.

Antwort

Ich habe etwas Erfahrung mit Kindern, die sich ähnlich verhalten – nicht selten adoptierte Kinder. Meine Erklärung (und oft auch jene der Kinder, sobald sie älter sind) ist, dass sie ein sehr geringes Selbstwertgefühl haben, das zur Einsamkeit führt, ihnen sogar Kleinigkeiten den Boden unter den Füßen wegreißen und sie dadurch völlig aus der Bahn geworfen werden.

Da das geringe Selbstwertgefühl und die Einsamkeit zwei unterschiedliche Auswirkungen zeigen, werde ich gesondert darauf eingehen.

Einsamkeit

Einsamkeit – auch als "existenzielle Einsamkeit" bezeichnet – hängt nicht damit zusammen, wie viele Freunde jemand hat oder ob sich jemand von seinen (Adoptiv-)Eltern geliebt fühlt. Es ist jene Einsamkeit, die auf die Erkenntnis folgt, dass wir als Menschen einzigartig sind. Dass es niemand anderen gibt, der so ist wie ich, und dass grundsätzlich niemand versteht, wer ich bin und wie ich dazu geworden bin. Deshalb bin ich allein, und weil mich niemand anderer so kennt, wie ich mich kenne, muss ich Verantwortung für mich selbst übernehmen.

Diese Einsamkeit taucht bei Kindern im Normalfall während der Pubertät auf. Bei adoptierten Kindern meist als plötzliche Erkenntnis während der Adoption.

In unseren Breitengraden versuchen die meisten Menschen den Kontakt zur existenziellen Einsamkeit zu vermeiden. Dies hat zur Folge, dass diese Kinder meist auf Erwachsene treffen, die sich selbst nicht in diese Art der Einsamkeit hineinversetzen können. Vielleicht weil sie Angst haben, ihre eigene Einsamkeit in den Augen des anderen zu sehen.

Das hilft Ihnen vielleicht, seine Wahrnehmung zu verstehen, dass ihn nicht wirklich jemand versteht und er sich allein durchschlagen muss. Das ist nämlich der Grund, warum er nicht mit sich reden lässt wenn jemand versucht, ihn zu manipulieren oder Entscheidungen für ihn trifft. Andere adoptierte Kinder mit derselben Erkenntnis verhalten sich wieder völlig gegensätzlich: Sie klammern sich an ihre Eltern und wollen – wie kleine Babys – die Liebe ihrer Eltern um jeden Preis spüren. Den Unterschied kann ich nicht erklären – ich habe lediglich bemerkt, dass dieser existiert.

Geringes Selbstgefühl

Das geringe Selbstgefühl scheint von zwei Faktoren abhängig zu sein. Die völlig aufrichtige Erfahrung der Ablehnung und deshalb das Gefühl, nicht wert zu sein geliebt zu werden, und die Erfahrung, von keinem Wert für jemanden zu sein.

Erstere sitzt ein Leben lang wie eine Wunde in der Seele, während die andere andere Erfahrung mit der Hilfe der Eltern sich möglicherweise während der Pubertät verändert.

Oft wirkt es so, als ob diese Kinder in akribischer Kleinarbeit ein zusätzliches mentales System – sozusagen als Ersatz für Sicherheit – installiert hätten, das ihnen ein im Grunde besser entwickeltes Selbstgefühl hätte geben können.

So spielt zum Bespiel "Gerechtigkeit" eine sehr große Rolle in deren Leben, da ihr Leben unfair begonnen hat.

Die gute Nachricht ist, dass der Großteil dieser Kinder mit zunehmenden Alter lernt, sich selbst zu kontrollieren. Bis dahin, und ich kenne nur diesen einen Weg, halten Sie Abstand zu ihm, oder bleiben Sie in sicherem Abstand zu ihm und vermeiden Sie so gut wie möglich jegliche Vorwürfe. Reden Sie mit ihm in "Friedenszeiten" über den glücklichen und unglücklichen Buben, den er in sich trägt.

Es ist absolut essenziell, dass ihre Unterhaltungen von Ihrer Neugier und Ihrem Engagement geprägt sind und keinerlei pädagogische Strategie enthalten, die auf den "Kleinen" der Familie abzielen. Denn das ist genau der Teil in ihm, der sich am meisten von seinen biologischen Eltern abgelehnt fühlt. Wenn er sich ständig so fühlt, als ob alle anderen nichts mit ihm zu tun haben wollten, kommt zu der existenziellen auch noch die soziale Einsamkeit hinzu.

Das zusätzliche Kind

Die Idee ist, in ihm sowohl den Buben als auch die Familie zu integrieren, weil er trotzdem hier wohnt und sich nicht fortbewegen wird.

Es mag sein, dass Sie dabei beide ihre pädagogischen Talente (ich kenne weder Sie, noch Ihre Tonart) neu gestalten müssen und es anstatt dessen als Langzeitaufgabe ansehen, dass Sie in Wahrheit drei Kinder haben. Das "Kleine" ist nur ein wenig mehr unangenehm, unglücklicher und verzweifelter als die anderen beiden.

Oft hilft es, gemeinsam einen Namen für das zusätzliche Kind zu finden (vielleicht ein geläufiger Name aus dem Heimatland). Das ist insbesondere wichtig, wenn er sich etwa schämt, etwas getan zu haben und deshalb diesen einen Teil seiner Existenz zurückweist. Je seltsamer das für ihn ist, umso weniger Kontrolle wird er entwickeln können.

Er teilt das Schicksal mit all den anderen Kindern, die großen Schmerz erfahren haben: Das Existenzielle muss zuerst Gestalt annehmen, bevor das Soziale sich voll entwickeln kann. Niemand kann das für ihn tun. Professionelle Behandlung ist nur in vereinzelten Fällen hilfreich. Was er braucht, ist bedingungslose Liebe und Unterstützung für viele Jahre.

Es ist Ihnen bis jetzt ganz wunderbar gelungen, und wenn Sie noch die nächsten zwei bis drei Jahre durchhalten, besteht eine gute Chance, dass es mit ihm als Teenager nicht die Hölle wird. Er wird sie vermutlich später auch noch fordern mit Aussagen wie "Du hast mich niemals verstanden", oder "Es gibt noch immer niemanden, der mich versteht", die Sie ertragen müssen.

Wenn er Glück hat, wird er auf andere adoptierte Kinder treffen und mit ihnen seine Lebensbedingungen teilen. Diese werden dann für eine Zeit lang seine primäre Familie sein. Wenn das schmerzvoll für Sie ist, denken Sie daran, dass Sie die Familie haben, die Sie haben wollten und dass Sie Ihrem Sohn das bestmögliche gegeben haben. Beides war es, das ihm ursprünglich genommen wurde. (Jesper Juul, 1.11.2015)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

  • "Existenzielle Einsamkeit" hängt nicht damit zusammen, wie viele Freunde jemand hat oder ob sich jemand von seinen (Adoptiv-)Eltern geliebt fühlt, sagt Jesper Juul.
    foto: heribert corn

    "Existenzielle Einsamkeit" hängt nicht damit zusammen, wie viele Freunde jemand hat oder ob sich jemand von seinen (Adoptiv-)Eltern geliebt fühlt, sagt Jesper Juul.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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