Fukunaga: "Beasts Of No Nation" soll "als Film wahrgenommen werden"

29. Oktober 2015, 11:11
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Der Regisseur von "True Detective" zögerte anfangs, sein Kindersoldatendrama zeitgleich im Kino und auf Netflix zu veröffentlichen – Mehr als drei Millionen Aufrufe in zwei Wochen

Hollywood – Kino-Boykott auf der einen, hohe Zugriffszahlen und Oscar-Prognosen auf der anderen Seite: Der Start des Kindersoldatendramas "Beasts Of No Nation" in Kinos und auf Netflix vor zwei Wochen hat in der Filmbranche Staub aufgewirbelt. Auch Regisseur Cary Fukunaga hatte erst gezögert, wie er der APA sagte. "Aber die Anzahl der Menschen, die nun Zugang zu meinem Film haben, wiegt die Nebeneffekte auf."

Tradition gebrochen

Für seinen Einstand im Filmgeschäft hat der Streamingdienst Netflix gerade erst mit seiner Tradition gebrochen, keine Zugriffszahlen publik zu machen. Mehr als drei Millionen Mal sei "Beasts Of No Nation" alleine in den USA bereits aufgerufen worden, zeigte sich Chief Content Officer Ted Sarandos gegenüber "Deadline" stolz: "Das ist ein größeres Publikum, als sich ein Nischenfilm in seinen ersten zwei Wochen oder gar in seiner gesamten Laufzeit erhoffen kann. Und wir fangen gerade erst an." In den mehr als 50 Ländern, in denen Netflix angeboten wird, war der Film demnach in seiner ersten Woche der Meistgesehene der Plattform – "auch in Japan, Brasilien oder Mexiko, wo solche Filme nie im Kino bestehen würden".

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Trailer zu "Beast of No Nation".

Zwölf Millionen US-Dollar (10,85 Mio. Euro) hat sich Netflix die weltweiten Rechte an dem rund sechs Mio. Dollar teuren Independentdrama über westafrikanische Kindersoldaten laut US-Medien kosten lassen. Es ist der Erste in einer Reihe an Filmen wie Brad Pitts Militär-Satire "War Machine" oder Adam Sandlers Western-Persiflage "The Ridiculous Six", mit denen Netflix nach dem Serien- auch den Filmmarkt aufmischen will.

Kein einfacher Film

"Ich habe erst gezögert, weil ich wollte, dass 'Beasts' als Film wahrgenommen wird und dementsprechend im Kino erlebbar ist", sagt Fukunaga im APA-Gespräch. Zwei Jahre lang hatte der 38-Jährige zuvor vergeblich versucht, einen Käufer zu finden. "Es ist kein einfacher Film, in jeder Hinsicht. Alleine schon wegen des Themas wäre es schwierig gewesen, Menschen ins Kino zu locken", weiß der US-Regisseur.

Dass sein Film nun wegen der parallelen Online-Verfügbarkeit von großen Kinoketten boykottiert und nur in vereinzelten Kinos in den USA und Großbritannien gezeigt wird, sei zwar "schade". "Wir versuchen noch, in anderen Märkten zu starten, aber ich weiß nicht, ob es uns möglich ist", so Fukunaga. Doch schon seinen gepriesenen Erstlingsfilm "Sin Nombre" oder das Kostümdrama "Jane Eyre" hätten mehr Leute nach ihren regulären Kinolaufzeiten gesehen. "Und mit Netflix ist 'Beasts' schon jetzt in fast 70 Millionen Haushalten, und in einem Jahr werden es noch viel mehr sein."

Regisseur von "True Detective"

In "Beasts of No Nation" erzählt der Emmy-prämierte Regisseur der ersten Staffel von "True Detective" vom Buben Agu (Laiendarsteller Abraham Attah), der durch einen verheerenden Gewaltausbruch in einem Bürgerkriegsgebiet irgendwo in Westafrika plötzlich auf sich gestellt ist. Als er in den Dschungel flieht, wird er von einem sadistischen Warlord ("Luther"-Star Idris Elba) aufgegriffen und als Teil von dessen Rebellentruppe zum Guerillakämpfer ausgebildet.

foto: ap
Idris Elba, Hauptdarsteller in "Beast of No Nation".

Zehn Jahre lang hat Fukunaga an seiner Adaption des Romans des nigerianischen Autors Uzodinma Iweala gearbeitet, recherchierte viel in Sierra Leone und anderen von Bürgerkrieg erschütterten Staaten, sprach mit ehemaligen Kämpfern, Flüchtlingen und Militärberatern. "Die Zeit ist relativ schnell vergangen, ich war eher überrascht, dass es so schnell hingehauen hat", gibt sich Fukunaga bescheiden, und kann auch dem schwierigen Dreh im Dschungel Ghanas im Nachhinein etwas Positives abgewinnen.

Idris Elba

Zwischen seiner eigenen Malaria-Erkrankung, dem Nahtoderlebnis Elbas bei einem Klippensturz, giftigen Schlangen und dem Wegfall seines Kameramanns, für den er schließlich einsprang, habe er zwar "fast jeden Tag" mit dem Scheitern seines Films gerechnet. "Aber das hat es zu einem Projekt gemacht, das niemand, der darin involviert war, je wieder vergessen wird."

Der Einsatz von Netflix wie auch von Fukunaga, so scheint es, hat sich gelohnt: Der einnehmende wie verstörende Film lief im September im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig, erhielt großteils hymnische Kritiken und wird nun von Branchenexperten für die Oscar-Verleihung 2016 ins Spiel gebracht.

Elba und Attah werden Chancen in Schauspielkategorien zugerechnet, Fukunaga könnte in seiner Mehrfachfunktion als bester Regisseur, Drehbuchautor oder Kameramann nominiert werden und als Produzent in der Kategorie "Bester Film" mitmischen.

Gedanken, die der Kalifornier vorerst wegschiebt. "Erstens, weil ich nicht enttäuscht sein will", so Fukunaga zur APA. "Und weil es auf lange Sicht nicht das Wichtigste ist. Wenn der Film ein guter Film ist, bewährt er sich auf Dauer und wird auch in zehn Jahren noch gesehen. Ganz egal, ob er nominiert war oder nicht." (APA, 29.10.2015)

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