Deutsch-österreichische Grenze: "Hier wird Weltgeschichte geschrieben"

Reportage29. Oktober 2015, 05:30
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Die Einsatzkräfte und Helfer an den Grenzübergängen in Oberösterreich und Salzburg können das politische Hickhack nicht brauchen. Sie reden miteinander

Der Nebel der Stadt ist hier weit weg. Die Sonne setzt sich bereits am frühen Morgen erfolgreich gegen den Tau auf den Wiesen durch. Herbert Kirschners Blick schweift langsam über die beeindruckenden Landschaftsformationen des Oberen Mühlviertels. Es sind dies die wenigen Momente der Ruhe, die dem Bezirkspolizeikommandanten von Rohrbach derzeit bleiben. Bis zu 14 Stunden täglich ist Kirschner am ehemaligen Grenzübergang Hanging in der kleinen Gemeinde Kollerschlag im Einsatz.

Es ist einer der Brennpunkte, an dem derzeit täglich bis zu 3000 Flüchtlinge die Grenze nach Bayern überschreiten, in der Nacht auf Donnerstag waren es letztlich 5000 Menschen, die alleine in Wegscheid und beim Grenzübergang Achleiten-Passau angekommen sind. Oder wie es Kirschner gerne zusammenfasst: "Hier wird Weltgeschichte geschrieben – und ich bin ein Teil davon."

Noch ist an diesem Mittwochmorgen kein Bus eingetroffen. Zeit also für polizeiliche Kontaktpflege im absoluten Grenzbereich. Auf ein herzhaftes "Na, wie geht's uns heute?" in Richtung Bayern folgt ein "Alles dufte hier"-Rückruf nach Österreich. "Wissen Sie, das politische Hickhack zwischen Österreich und Bayern können wir hier nicht brauchen. Wir reden miteinander – und es funktioniert gut", erläutert Kirschner im STANDARD-Gespräch.

Als gegen zehn Uhr die ersten Busse eintreffen, bestätigt sich das eindrucksvoll. Flüchtlinge werden von einem Dolmetscher noch in den Bussen in Empfang genommen und dann vom Roten Kreuz und einer Schar Freiwilliger mit Tee, Toast und Gemüsesuppe versorgt. Auf einer nahen Wiese beginnt das Warten auf den Grenzübertritt. "Hektik kommt bei so vielen Menschen natürlich dann und wann auf. Aber zu Tumulten ist es noch nicht gekommen", schildert Kirschner. Und hat dafür eine einfache Erklärung: "Die Menschen sehen hier bereits die Grenze zu Deutschland, sie sehen ihr Ziel. Das verschafft Sicherheit und Ruhe während der Wartezeit."

Kaum einer geht aber, ohne sich zu bedanken. "Thank you, Austria", tönt es da fast im Minutentakt durch den Böhmerwald. Eine junge Flüchtlingsfamilie will mehr und winkt schüchtern den Herrn Bezirkskommandanten herbei. "Wieder amoi a Büdl", lacht Kirschner und wirft sich in Pose. Es sind Bilder, die wohl auch Herbert Kirschner für immer in seinem Kopf abgespeichert hat.

Routine in Salzburg

Auch in der ehemaligen Autobahnmeisterei im Salzburger Stadtteil Liefering scheint die Sonne. Die drei Großraumzelte in dem Transitlager haben sich fast geleert. Nur vereinzelt sitzen Flüchtlinge auf den Feldbetten. Viele der durchreisenden Menschen stehen vor dem Zelt in der Sonne und warten, bis sie an der Reihe sind, an die Grenze nach Deutschland weiterzufahren.

In den Transitlagern am Grenzübergang Saalachbrücke ist nach eineinhalb Monaten Rundumbetrieb bereits Routine eingekehrt. Die freiwilligen Helfer, die Mitarbeiter der Stadt, des Bundesheeres und der Polizei sind ein eingespieltes Team. Mitverantwortlich dafür ist auch der Salzburger Fotograf Mike Vogl. Er koordiniert seit Beginn den Freiwilligeneinsatz an der Grenze. Die politischen Schuldzuweisungen blendet Vogl aus: "Für mich ist wichtig, dass die durchreisenden Flüchtlinge geregelt über die Grenze kommen. Wir haben ein sehr gutes Einvernehmen mit der deutschen Bundespolizei, und es funktioniert."

Die Reihenfolge der Abfertigung bestimmt ein Bändersystem, das von den freiwilligen Helfern ausgeklügelt wurde. Jeder Tag hat eine Farbe, Buchstaben regeln die Gruppenzugehörigkeit anhand der Ankunft der Flüchtlinge. "Das System hat gewaltig Stress rausgenommen, die Situation verbessert und beruhigt", sagt der Sprecher der Stadt, Johannes Greifeneder. Dolmetscher würden den Flüchtlingen die Vorgehensweise erklären. "Sie akzeptieren es auch, weil es ein gerechtes System ohne Vordrängeln ist." Auch der kurzzeitige Aufnahmestopp der Bayern am Mittwochvormittag bringt deshalb keine Unruhe hinein.

Ein Bus fährt ein. Eine Gruppe von Flüchtlingen mit roten Bändern geht langsam zum Eingang, wo Franz Klein steht. Der Berufskraftfahrer ist für den Bustransport zur Grenze zuständig. "50 bis 90 Menschen bekomme ich in einen Bus. Man muss nur richtig schlichten", sagt er schmunzelnd. Auch seine Frau helfe regelmäßig an der Grenze mit. "Einmal pro Woche kaufen wir um 100 Euro Bananen, Äpfel, Schokolade und Bonbons für die Flüchtlinge ein", erzählt Klein.

Direkt beim Grenzübergang sitzen rund 240 Flüchtlinge, versorgt mit Essen und heißem Tee. Vor der Absperrung warten sie in der Sonne, bis die bayerische Polizei die nächste Gruppe über die deutsche Grenze lässt. (Markus Rohrhofer, Stefanie Ruep, 29.10.2015)

  • Die Innbrücke, die Oberösterreich und Deutschland verbindet, ist für viele Asylsuchende die allerletzte Etappe ihrer Flucht.
    foto: afp/ christof stache

    Die Innbrücke, die Oberösterreich und Deutschland verbindet, ist für viele Asylsuchende die allerletzte Etappe ihrer Flucht.

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