Neue Abgastests erlauben deutlich höhere Schadstoffemission

28. Oktober 2015, 17:56
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Die EU-Staaten verwässern die Stickoxid-Grenzwerte bei den neuen, realitätsnäheren Tests

Brüssel/Wolfsburg/Wien – Während Volkswagen an der Abgasaffäre laboriert und im dritten Quartal erstmals seit 20 Jahren wieder einen Milliardenverlust einfuhr, soll Dieselgate die Verbesserung der Emissionsmessung vorantreiben. Geplant ist ja ein Umstieg auf Echttest – derzeit wird der Ausstoß von Stickoxid im Labor festgestellt. Die dabei eruierten Werte haben wenig mit der Realität zu tun, wie bereits durchgeführte Vergleiche zeigen.

Doch der Umstieg gestaltet sich schwierig. Da die Emissionen bei den künftigen Tests – in der EU Real Driving Emissions genannt – deutlich höher ausfallen werden, sind nun großzügige Übergangsfristen im Gespräch. Experten aus den Mitgliedsländern hätten sich nach stundenlangen Verhandlungen darauf geeinigt, dass ab 2017 die Abweichungen bei Schadstofftests auf der Straße gegenüber den Laborwerten fast doppelt so hoch ausfallen dürfen wie von der EU-Kommission geplant, sagten zwei mit der Sache Vertraute am Mittwoch. Mit der Einführung der neuen Abgastests sollen in der EU ab 2017 realistischere Ergebnisse erzielt und Manipulationsversuche verhindert werden.

Faktor 2,1

Der Kompromiss sieht den Angaben zufolge vor, dass ab 2017 neue Fahrzeugmodelle einen 110 Prozent höheren Wert (Faktor 2,1) bei Stickstoffoxiden aufweisen dürfen, bevor die Grenze ab 2020 auf 50 Prozent (Faktor 1,5) sinkt. Bei der Zulassung von Neuwagen sollen die Regeln ab 2019 beziehungsweise 2021 gelten. Die EU-Kommission hatte vorgeschlagen, dass die Straßenmesswerte die vorgeschriebene Grenze von 80 Milligramm pro Kilometer um 60 Prozent gegenüber den Laborergebnissen überschreiten dürfen.

Vor allem Autoindustrienationen wie Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien und Spanien machen dem Vernehmen nach Druck, die Regelungen zu verwässern. Am Mittwoch befassten sich die Experten der Mitgliedsstaaten mit dem Problem im sogenannten Technischen Ausschuss für Motorfahrzeuge. Es habe keinen Sinn, übertrieben strenge Regelungen einzuführen, die in der Praxis nicht eingehalten werden könnten, verlautete aus Berlin.

foto: epa
Die Abgastests sollen künftig in der freien Wildbahn und nicht mehr im Labor erfolgen. Dafür werden "Toleranzgrenzen" eingezogen.

Wie stark sich der künftige Test in der Praxis vom bisherigen (Neuer Europäischer Fahrzyklus, NEFZ) unterscheidet, hat der deutsche Autofahrerclub ADAC schon erhoben. Der Stickoxidausstoß von 32 getesteten Dieselmodellen, die bei herkömmlicher Prüfung den Grenzwert einhielten, betrug hier im Durchschnitt mehr als das Doppelte des Erlaubten. 22 Typen fielen durch, ein Modell stieß fast 15-mal mehr aus als vorgesehen.

Volkswagen selbst steckt wegen der Affäre in der größten Krise seit der Firmengründung vor 78 Jahren. 3,5 Milliarden Euro operativen Verlust erwirtschaftete der Konzern im dritten Quartal 2015. Ohne den Verkauf von Suzuki-Anteilen wäre der Abgang um 1,5 Milliarden Euro höher ausgefallen.

Die Kosten für die Folgen der weltweit elf Millionen Diesel mit manipulierten Abgaswerten verdecken aber, dass sich Europas größter Autobauer eigentlich im dritten Quartal wacker schlug. Trotz der Krisen in Brasilien und Russland und Gegenwinds in China greifen die laufenden Bemühungen um mehr Kostendisziplin. So lief es etwa beim Sorgenkind VW-Pkw besser.

grafik: apa


Die hohen Rückstellungen werden auch den Steuerzahler belasten. Er gehe davon aus, dass die Beträge steuerlich absetzbar seien, sagte VW-Finanzvorstand Frank Witter am Mittwoch bei einer Telefonkonferenz mit Analysten. Anders sei dies bei Strafzahlungen oder Bußgeldern, die dem Konzern wegen Umweltvergehen drohen. Volkswagen hatte wegen der Rückrufe 6,7 Milliarden Euro zur Seite gelegt. In den USA muss der Konzern mit Strafzahlungen von umgerechnet bis zu 16 Milliarden Euro rechnen. Auch in anderen Ländern ermitteln die Behörden gegen das Unternehmen.

Erst am Mittwoch hat der spanische Staatsgerichtshof ein Verfahren gegen Volkswagen eingeleitet. Die spanische Staatsanwaltschaft hatte kürzlich erklärt, VW habe möglicherweise unrechtmäßig Subventionen erhalten sowie womöglich gegen Umweltschutzgesetze verstoßen. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitete gegen mehrere Mitarbeiter des Autobauers Ermittlungsverfahren ein, wie eine Sprecherin der Behörde bestätigte. Auf den Konzern rollt zudem eine Prozesslawine zu: Anwälte sammeln Munition für Schadensersatzklagen, Investoren wollen erlittene Kursverluste erstattet haben. (as, Reuters, dpa, 29.10.2015)

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