Gewerkschaft lässt sich Überstundenzuschläge abkaufen

28. Oktober 2015, 17:40
279 Postings

Die Metaller legten einen jahrelangen Streit bei: Die Arbeitnehmer verzichten auf Bezahlung für Überstunden

Wien – Arbeit muss besser verteilt werden. Das ist in Österreich derzeit eine Kernforderung vieler Ökonomen. Das Wachstum ist niedrig, die Arbeitslosigkeit steht auf dem Höchststand in der Zweiten Republik. Ein Weg, um endlich Abhilfe zu schaffen, wäre es, dass Menschen, die es sich leisten können, kürzer arbeiten oder sich eine Auszeit nehmen, wie der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts, Karl Aiginger, vor wenigen Wochen gefordert hat. Im Gegenzug könnten mehr Arbeitslose eine Beschäftigung finden.

Die große Arbeitszeitumverteilung fand noch nicht statt. Allerdings haben die Metaller am Mittwoch einen Schritt in diese Richtung gemacht: Nach mehr als 24-stündigen Verhandlungen haben sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Maschinen- und Metallwarenindustrie auf einen neuen Kollektivvertrag geeinigt.

Löhne und Gehälter steigen um 1,5 Prozent. Als besonderen Erfolg sehen die Arbeitgeber die Schaffung eines "Zeitkontos" für die rund 120.000 Beschäftigten in der Metallindustrie. Mit dem Zeitkonto sollen Schwankungen bei der Auftragslage künftig besser, also aus Sicht der Industrie günstiger, ausgeglichen werden können.

Günstiger für die Industrie

Bisher galt in der Branche mit einer Regelarbeitszeit von 38,5 Stunden, dass ab 40 gearbeiteten Stunden in der Woche Zuschläge in Höhe von 27 Prozent gezahlt werden mussten. Das ändert sich nun. Bis zu 45 Wochenstunden können die Arbeitnehmer künftig beschäftigt werden, ohne dass die Mehrarbeit abgegolten werden muss. Diese Gutstunden verfallen aber nicht komplett, sondern werden in einem Zeitkonto gesammelt. Fallen mehr als 60 Plusstunden an, gibt es dafür doch eine gestaffelte Sonderabgeltung (zwischen zehn und 20 Prozent). Insgesamt können 167 Plusstunden angesammelt werden. Im Rahmen des Zeitkontos können aber auch bis zu 120 Minusstunden anfallen, etwa bei einer Arbeitsflaute. Diese lassen sich mit Mehrarbeit gegenrechnen.

Im Gegenzug dafür, dass die Gewerkschaft dem flexiblen Modell zustimme, bekommt sie ihrerseits mehr Flexibilität. Arbeitnehmer können wählen: Entweder erhalten sie 1,5 Prozent mehr Lohn oder drei zusätzliche Urlaubstage. Hinzu kommt mehr Urlaub. Der 31. Dezember, bisher ein halber Arbeitstag, wird ein Feiertag für Metaller. Nichtbezahlte Arbeitsstunden an Feiertagen kommen zudem ebenfalls auf das Zeitkonto. Die 1,5-Prozent-Erhöhung liegt gemessen an der Inflationsrate über dem Ergebnis 2015.

Nach den Gesprächen zeigten sich beide Seiten zufrieden: "Nach jahrelangem Stillstand gab es beim Thema Arbeitszeitflexibilität Bewegung", sagte Christian Knill, Chefverhandler der Arbeitgeber, dem STANDARD. Die Industrie sei nun sowohl für Boom- als auch Krisenphasen besser aufgestellt. Erfreut auch der Chefgewerkschafter Rainer Wimmer: Man habe den Forderungen der Unternehmer "die Zähne" gezogen. Wifo-Chef Aiginger zeigte sich "stolz", dass den Metallern dieser Kompromiss gelungen ist. (András Szigetvari, 29.10.2015)

  • Artikelbild
    grafik: apa
Share if you care.