Architektur: Selfie mit Flüchtling

Kommentar der anderen28. Oktober 2015, 17:27
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Von wegen "Schlafen die da alle": Das wahre Problem sind nicht die Flüchtlinge, es ist die laufend fortschreitende Entziehung von Geldern für die sozialen Aufgaben unserer Gesellschaft. Eine Replik auf Anita Aigner

Betroffenheit angesichts einer Tragödie wie der massenhaften Flucht von Menschen vor Krieg und Terror ist verständlich. Die Kritik an der Rolle von Experten ist zu bedenken, und ja, man könnte immer mehr tun.

Die Annahme jedoch, jemand, der seine Arbeit in diesem Zusammenhang bewusst nicht in die Öffentlichkeit trägt, könne wohl nur schlafen, ist eine reichlich vereinfachende Schlussfolgerung ("Schlafen die da alle?", Anita Aigner im STANDARD vom 23. Oktober).

Heftige Debatte

Tatsache ist, dass die angesprochenen Probleme und vor allem was unsere Rolle dabei sein könnte, von Anfang an in der Kammer der Architektinnen und Ingenieurinnen heftig wie kaum ein anderes Thema diskutiert wurden und werden. Denn in der Debatte um die richtige Antwort auf die Situation stellen sich sehr rasch ganz wesentliche Fragen.

Flüchtlinge sind keine eigene Spezies, es handelt sich schlicht um Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Insofern geht es ganz grundsätzlich um die Bereitschaft einer Gesellschaft, jenen zu helfen, die Hilfe benötigen, im Zusammenhang mit Wohnen nennen wir das "sozialen Wohnbau". Ein Fokussieren auf eine Gruppe scheint uns höchst gefährlich, weil es den Keim zur Entsolidarisierung in sich trägt.

Wahlkampfphase

Bei Kritik an der fehlenden öffentlichen Wirksamkeit sollte auch bedacht werden, dass das Thema zunächst in die heiße Wahlkampfphase in Wien fiel, in der bekanntlich Kräfte am Werk waren, denen eine solche paradoxerweise sehr in die Karten gespielt hätte.

Es sind aber noch etliche weitere Aspekte im Zusammenhang mit einer Einführung der Kategorie des "Flüchtlings" in Wohnbau und Raumplanung zu bedenken. So können Notsituationen trefflich zur Senkung von Qualitäten benützt werden ("alles ist besser als die Zeltstadt"). Selbst für neue Geschäftsmodelle müssen Flüchtlinge bereits herhalten, wir erhielten nicht nur Ideen für Containerdörfer im Selbstbauverfahren, sogar vor Werbung für Leichtbauplatten, die sich für Flüchtlingsunterkünfte bestens eignen sollen, wurde nicht zurückgeschreckt.

Unser wahres Problem sind nicht Flüchtlinge, es ist die laufend fortschreitende Entziehung von Geldern für soziale Aufgaben unserer Gesellschaft. Und die Vorgänge, gegen die wir öffentlich auftreten müssen, sind ganz andere. So gibt es zurzeit etwa Bestrebungen in der Europäischen Kommission, den Zugang für geförderten Wohnbau auf niedrigste Einkommen zu begrenzen. Klingt irgendwie vernünftig, doch die Folgen wären dramatisch: sinkende Wohnstandards, Explosion der Wohnungspreise, Ghettoisierung der Städte (Banlieue, wir kommen). Oder etwas so positiv Klingendes wie "Stabilitätspakt". Wie wir wissen, führt er direkt dazu, dass die öffentliche Hand ihre Infrastrukturbauten von Privaten errichten lassen muss, was höhere Kosten für und den Entfall der Kontrolle durch die ungefragte Bevölkerung sowie niedrigere Qualität bedeutet. Das Prinzip dahinter ist in beiden Fällen das gleiche, die Umleitung von Steuergeldern weg von der Allgemeinheit hin zu Privaten.

Auch im Land selbst gibt es viel zu tun, um etwa leistbaren Wohnraum und damit sozialen Zusammenhalt, lebenswerte Städte und ein funktionierendes Gemeinwesen zu stärken, das dann auch in Notfällen stark genug ist, um sich Menschlichkeit "leisten" zu können. Gerade Wien hat hier eine große Tradition und hat oftmals bewiesen, dass es dazu in der Lage ist. Nicht zuletzt diesen Eigenschaften ist es zu verdanken, dass diese Stadt die aktuelle Krise ohne große Publicity ganz gut bewältigt. Doch diese Qualitäten wollen stets neu erkämpft werden. Daher geht es uns um entsprechende Bodenpolitik, Maßnahmen gegen Grundstücksspekulation oder um Schaffung von Widmungskategorien für sozialen Wohnbau, um Beispiele zu nennen.

Kostenlose Expertise

Wir werden daher als Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten weiter konkrete Aktivitäten setzten wie etwa die Unterstützung der Caritas durch kostenlose Expertise für die baurechtlich notwendigen Beurteilungen von Notunterkünften. Darüber hinaus aber werden wir uns vordringlich um die grundlegenden Themen kümmern und der Versuchung zu Aktionismus und populären Schlagzeilen widerstehen. (Christoph Mayrhofer, 28.10.2015)

Christoph Mayrhofer (Jahrgang 1958) ist Architekt (Hillinger Mayrhofer) sowie Sektionsvorsitzender der Architekten in der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und das Burgenland. Er hat an der TU Wien (bei Professor Ernst Hiesmayr), in den USA und Italien studiert.

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