Brückenbauer

Kolumne28. Oktober 2015, 17:31
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Die hier ansässigen Migranten gehören zu uns und bauen Brücken zu denen, die neu dazukommen

Wann ist ein Zuwanderer oder Flüchtling in Österreich integriert? Wenn er, wie seit neuestem in Oberösterreich vorgeschrieben, sich im bundesländerspezifischen Brauchtum auskennt? Oder wenn er sich so weit im Gastland eingelebt hat, dass er Neuankömmlingen helfen kann und will?

Asylbewerber Younis steht dreimal die Woche auf dem Wiener Westbahnhof und dolmetscht, kocht und tröstet ankommende Flüchtlinge. Er ist seit zwei Jahren in Österreich, wartet immer noch auf seinen Asylbescheid und hat so gut wie gar kein Geld. Aber er hat immer noch genug, um dringend benötigte Sachen zu besorgen. Und für die Ankommenden macht es einen spürbaren Unterschied, wenn sie in ihrer Muttersprache begrüßt und mit den wichtigsten Informationen versorgt werden.

Sehr viele der Helfer, die zuletzt den Flüchtlingsstrom gemanagt haben, sind selbst Migranten. Sie sind ganz selbstverständlich Teil der vielgerühmten Zivilgesellschaft geworden, die dort angepackt und Probleme gelöst hat, wo der Staat hilflos war. Und es zeigt sich, dass wir angesichts der augenblicklichen Situation dringend Menschen brauchen, die außer Deutsch und Englisch auch Arabisch, Farsi, Urdu, Paschtu und Dari sprechen und dazu auch noch persönliche Erfahrung in Sachen Flucht und Vertreibung haben. Spätestens jetzt ist jedem klar geworden, dass die hier ansässigen Migranten zu uns gehören und als Bauer von Brücken zu denen, die neu dazukommen, eine unverzichtbare Funktion haben.

Wer denn soll den Neuen erklären, dass man hierzulande den Müll trennen muss, wenn nicht diejenigen, die schon länger hier leben und die hiesigen Gebräuche auch mühsam lernen mussten? Wer ist besser geeignet, neu Zugewanderten die vielzitierten westlichen Werte näherzubringen, auf die wir so viel Wert legen? Dass man Mädchen in die Schule schickt und nicht gegen ihren Willen verheiratet, andere Religionen respektiert und abends keinen Lärm macht? Salafisten und Jihadisten, so hören und lesen wir, sprechen bevorzugt neu angekommene und im fremden Land verlorene und orientierungslose jugendliche Flüchtlinge an, um diese für ihre Ideen zu gewinnen. Niemand anderer als ein in Österreich integrierter Muslim wird diesen Jungen glaubhaft machen können, dass man hierzulande durchaus als frommer Anhänger des Islam in einer demokratischen Gesellschaft leben und als solcher respektiert werden kann.

Integration funktioniert nicht von heute auf morgen. Man ist nicht heute stolzer Afghane und morgen hundertprozentiger Österreicher. Man streift seine Herkunft nicht ab wie ein Hemd. Zu wem halte er, wenn Österreich gegen Kroatien Fußball spiele, wurde vor Jahren der kroatischstämmige Fußballer Ivica Vastic gefragt. Ein drohender Unterton schwang mit: Wehe, du sagst jetzt Kroatien. Vastic sagte: Ich halte zu meiner Mannschaft.

So ähnlich geht es auch den Migranten von heute. Asylbewerber Younis kann noch nicht perfekt Deutsch, aber als er auf dem Westbahnhof seinen neu ankommenden Landsleuten gegenüberstand, wurde ihm bewusst, dass er schon auf dem Weg war, ein Österreicher zu werden. Er erklärte ihnen etwas und ertappte sich dabei, dass er sagte: bei uns. Und Österreich meinte. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 28.10.2015)

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