Bonanno-Prozess: Der "Goodfellas"-Fall wird in New York verhandelt

29. Oktober 2015, 08:00
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Der Stoff, aus dem Mafia-Filme sind: Im Saal 8C des Bundesgerichts in Brooklyn, New York, wird der Prozess gegen Mitglieder der Familie Bonanno, eines der mächtigen Kartelle, verhandelt

Gaspare Valenti sitzt so entspannt im Zeugenstand, als wäre dies hier kein Gerichtssaal, sondern sein Wohnzimmer. Ohne die geringste Spur von Erregung erkennen zu lassen, erzählt er von einem Raub, schildert in allen Details, wie er und seine Kumpanen sich ihren Weg bahnten, um im Frachtraum der Lufthansa am New Yorker Kennedy-Flughafen an die Kisten mit den Dollarscheinen zu kommen. Wie er einem Wächter seine Pistole gegen den Kopf schlug, wie kurz darauf ein zweiter auftauchte, dann ein dritter, wie auch sie niedergestreckt und weggesperrt wurden. Als sie die Beute hatten, wussten sie nicht, wohin damit, erinnert sich Valenti. "Bis Vincent rief, bringt es zu Gaspare nach Hause."

Vincent ist Vincent Asaro, 80 Jahre alt, randlose Brille, ein dunkelblauer Pulli überm hellblauen Hemd. In seinem Gesicht arbeitet es, man sieht, wie er sich beherrschen muss, um nicht dazwischen zu rufen. Asaro sitzt auf der Anklagebank im Saal 8C des Bundesgerichts von Brooklyn. Valenti, sein Cousin, ist der Hauptbelastungszeuge. Zwei ältere, gepflegte, unscheinbare Herren, die man sich gut in der Halle eines Bingo-Clubs vorstellen könnte. Dabei waren sie einmal gefürchtete Mafiosi, Mitglieder der Bonanno-Familie, eines der mächtigen New Yorker Kartelle.

In der Nacht zum 11. Dezember 1978 gelang ihnen ein Raubzug, der später die Vorlage für Goodfellas lieferte, einen Film von Martin Scorsese mit Robert De Niro in der Hauptrolle. Im realen Leben ist es das erste Mal, dass einer wegen seiner Rolle bei dem Überfall angeklagt wird. Jimmy Burke, der Drahtzieher, organisiert im Lucchese-Clan, ist tot. Asaro wurde vor 22 Monaten vom FBI abgeführt, nachdem Valenti aus dem Nähkästchen geplaudert hatte.

Zwei Stunden Geld zählen

In jener Dezembernacht 1978 wartete er, eine Meile vom Tatort entfernt, gemeinsam mit Burke in einem Auto. "Was mit dem Geld passieren sollte? Es gab keinen Plan. Der Angeklagte hat kurzerhand entschieden, das bunkern wir jetzt bei Gaspare", sagt Valenti und gibt zu verstehen, dass er sich überrumpelt fühlte. In dem Haus lebten zwei Familien, seine eigene mit vier und die seiner Schwester mit fünf Kindern. Nachts gegen vier trug die Bande fünfzig Kisten in den Keller, dazu Säcke voller Broschen, Goldketten, Armbanduhren. Zwei Stunden lang, erzählt Valenti, hätten sie Scheine gezählt.

Dann wussten sie, dass sie 6,25 Millionen Dollar erbeutet hatten, viel mehr als das, womit sie gerechnet hatten. Irgendwann bemerkte Asaro, das Domizil seines Cousins sei ja nun ein lohnendes Ziel. "Es hat mir Angst gemacht, dabei war ich so glücklich gewesen", sagt Valenti und erzählt, wie er Türrahmen aus- und wieder einbaute, um Bündel Scheine zu verstecken.

Erinnerungen an die Macht

Es ist eine blasse Erinnerung an Zeiten, als die Mafia noch mächtig war, lange bevor am 11. September 2001 die Zwillingstürme in Schutt und Asche fielen und die Angst vor islamistischen Terroristen grassierte, während sich die Angst vor italoamerikanischen Schutzgelderpressern ausnahm wie eine kleine Krimigeschichte von früher. In den Neunzigerjahren drängte Rudy Giuliani, der Bürgermeister, der schon als Staatsanwalt mit unnachgiebiger Härte gegen die Cosa Nostra vorgegangen war, die Kartelle zusehends an den Rand, nicht zuletzt, indem er ihr Monopol bei der Müllabfuhr brach. Nun lässt das Verfahren in Brooklyn restlos zerbröseln, was an Mafia-Verklärung noch übrig gewesen sein mag.

Im Zeugenstand antwortet Gaspare Valenti auf Fragen nach den Stationen seiner Verbrecherkarriere. Es fing damit an, dass er als 22-Jähriger den Auftrag erhielt, eine Leiche unter Beton verschwinden zu lassen, die Leiche eines Lagerhallenbesitzers namens Paul Katz. Asaro betrieb eine Zaunbaufirma, ohne dass es aufgefallen wäre, stand immer ein Lieferwagen mit Sand und Zement bereit, um Opfer der "Familien" unter Beton zu begraben. Auch Martin Krugman, einen Friseur, der den Gangstern den Tipp mit der Lufthansa gegeben hatte und der hartnäckig seinen Lohn verlangte.

Valenti durfte damals 750.000 Dollar behalten, was nichts daran änderte, dass er bald wieder Schulden anhäufte. Was er besaß, verspielte er auf Pferderennbahnen. Als ihn seine Gläubiger nervten, ließ er Frau und Kinder im Stich und flog nach Las Vegas, in der Hoffnung, noch einmal am ganz großen Rad zu drehen. In Wahrheit stahl er Kreditkarten und kassierte Vermittlerprämien für Kunden, die er zu einem Bordell in der Nähe der Kasinostadt fuhr.

FBI als Rettungsanker

Zurück in New York, brannte er Häuser nieder, um die Versicherung zu betrügen. 2008 begann Valenti mit dem FBI zu kooperieren, wofür er pro Monat dreitausend Dollar kassierte – finanziell sein Rettungsanker. "Das Leben, es geht auf und ab, was willst du machen", philosophiert er, während ihn sein Cousin wütend anstarrt. "Heute bist du mit jemandem Freund, morgen ist er dein Feind." (Frank Herrmann aus New York, 29.10.2015)

  • Am 13. Dezember 1978 fand die Polizei in New York den gestohlenen Van, in dem die Beute vom JFK-Flughafen transportiert worden war.
    foto: ap photo/ken murray, file

    Am 13. Dezember 1978 fand die Polizei in New York den gestohlenen Van, in dem die Beute vom JFK-Flughafen transportiert worden war.

  • Vincent Asaro und Richterin Allyne Ross während des Prozesses in New York auf einer Gerichtszeichnung.
    foto: reuters/jane rosenberg

    Vincent Asaro und Richterin Allyne Ross während des Prozesses in New York auf einer Gerichtszeichnung.

  • Der Pate der Bonanno-Familie, Vincent Asaro, bei seiner Verhaftung im Jänner des Vorjahres.
    foto: reuters/brendan mcdermid

    Der Pate der Bonanno-Familie, Vincent Asaro, bei seiner Verhaftung im Jänner des Vorjahres.

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