Prozess: Tanzkäfige und Pfefferspray

28. Oktober 2015, 14:49
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Ein 39-Jähriger soll in einer Disco Reizgas versprüht haben. Er leugnet und erklärt seine DNA-Spuren damit, dass er die Dosen gefunden habe

Wien – Für gewöhnlich sind DNA-Spuren die Freunde der Richter und Richterinnen. Besonders, wenn der Angeklagte leugnet und eine – nun ja – seltsame Geschichte erzählt. So wie jener 39-Jährige, der sich wegen vorsätzlicher Gemeingefährdung vor einem Schöffengericht unter Vorsitz von Ingrid Altmann verantworten muss.

Es geht um den 12. Oktober 2014, als sich die Großdisco Praterdome blitzartig leerte. Der Grund: Es wurde Pfefferspray versprüht, mehrere Menschen wurden dadurch verletzt. Exakt 1.523 Personen flüchteten vor den Reizgasschwaden.

Auf dem WC wurden später zwei Dosen Pfefferspray gefunden, auf dem Druckknopf das Genmaterial des Angeklagten sichergestellt. Da er wegen eines Drogendeliktes vorbestraft war, konnte er identifiziert und im Sommer festgenommen werden.

DNA-Spuren auf Dosen

Mit dem Vorfall in der Disco will er aber nichts zu tun haben – im Gegenteil, er sei selbst Opfer der Attacke gewesen. Wie seine DNA-Spuren auf die beiden Dosen kommen, erklärt der Diplom-Ingenieur damit, dass er sie gefunden habe.

"Ich bin aufs Klo gegangen, um Heroin zu nehmen", erzählt er. "In der Kabine habe ich mich dann niedergekniet und die Dosen gesehen." Was er damit machte, überrascht: "Ich habe beide ausprobiert und gedrückt, aber sie waren leer." Was Altmann widerlegt: Sie schüttelt die Corpora Delicti und stellt so fest, dass noch Flüssigkeit darin ist.

Noch überraschender ist seine Antwort auf die Frage, wie er erkannt habe, dass es Pfefferspray ist. "Meine Hände waren mit der Flüssigkeit getränkt und haben gebrannt." Warum er beide Dosen getestet hat? "Ich habe mir gedacht, vielleicht kann man sie mitnehmen."

Alles sei aber so schnell gegangen – plötzlich habe er Schreie gehört, die Luft sei schlecht geworden. "Wo ist denn die schlechte Luft hergekommen?", will Altmann wissen. "Aus dem Saal." Seine Augen hätten getränt, ein Unbekannter habe ihn vor das Lokal begleitet, zwei Wochen später habe er seine Jacke abgeholt.

Selbstironische Vorsitzende

Die Vorsitzende demonstriert im Laufe des Verfahrens durchaus selbstironisch ihre rudimentären Kenntnisse moderner Unterhaltungslokale. "Da gibt es ja manchmal so Nebel, glaube ich", sagt sie beispielsweise. "Wie oft kommt der? Bei jeder einzelnen Platte oder wie man heute sagt?"

Beisitzer Philipp Schnabel kann ihr bei der Frage, was "R 'n' B" ist, weiterhelfen (eine Musikrichtung). Und von einem Praterdome-Mitarbeiter lässt sie sich aufklären, dass die Tanzkäfige, von denen sie im Akt gelesen hat, nicht für die Gäste, sondern für Tänzerinnen da sind.

Mit dem Auftritt der Zeugen wird allerdings klar, warum Verteidiger Christian Werner die Sache trocken herunterspielt und sich immer kurz fasst. Der eine sagt, er habe einen Mann mit Pfefferspray in der Hand aus dem Lokal gehen sehen, den er vom Sehen her kenne. Und es sei nicht der Angeklagte.

Verlesen wird auch die Aussage eines Opfers, das behauptet, auf der Tanzfläche drei Männer mit Kapuzen gesehen zu haben, die das Reizgas Richtung Boden gesprüht hätten. Die übrigen Zeugen haben nichts bemerkt.

80.000 Euro Schadenersatz

Die Disco will übrigens 80.000 Euro Schadenersatz vom Angeklagten. Da erst beim Verlassen des Lokals gezahlt werden muss, sei man nämlich um 50.000 Euro Umsatz umgefallen, verrät ein Mitarbeiter. Von den 1.523 Gästen sei nämlich kein einziger nachher gekommen, um seine Zeche zu begleichen. Die übrigen 30.000 will man für die entgangenen Einnahmen durch Schließtage.

Die DNA-Sachverständige bestätigt zwar, dass die Spuren auf den Dosen mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu acht Milliarden vom Angeklagten stammen, kann aber nicht ausschließen, dass die Waffe nicht auch von jemand anderem berührt wurde, dessen Spuren überlagert wurden.

Der Senat braucht also nicht lange, um sein Urteil zu fällen: ein nicht rechtskräftiger Freispruch, da es keine zwingenden Beweise gibt und auch andere Täter infrage kommen. (Michael Möseneder, 28.10.2015)

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