Wurst ist gefährlich, vieles andere auch

Blog28. Oktober 2015, 07:00
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Die Krebswarnung der WHO vor verarbeitetem Fleisch ist korrekt, aber hilft im Alltagsleben nur wenig weiter

Man kann auf die Krebswarnung der Weltgesundheitsorganisation WHO vor Wurst, Speck, Schinken und verarbeitetem Fleisch reagieren, indem man diese Speisen nicht mehr anrührt. Man kann sich auch – wie Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter – auf Facebook darüber empören und die heimischen Wurstprodukte als "bedenkenlos beste der Welt" preisen.

Oder man kann die Untersuchung der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) als das nehmen, was sie ist: eine wissenschaftlich korrekte Aussage, die aber nicht allzu viel Bedeutung für das tägliche Leben hat. Wurst ist demnach nur eine der vielen Risikoquellen des modernen Lebens. Und die sind allesamt geringer als die Gefahren von früher.

Wie Erich Kästner schon sagte

Denn wie schon Erich Kästner schrieb: "Wird's besser, wird's schlimmer? Fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich."

Wurst steht auf der gleichen Stufe wie Asbest und Zigaretten nur insofern, als die Krebserregung außer Zweifel steht. Aber krebserregend ist vieles in der Welt, die Frage ist immer, wie sehr die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung steigt.

Klingt mehr als es ist

Wenn die WHO sagt, dass zwei Scheiben Schinken am Tag das Dickdarmkrebsrisiko um 18 Prozent erhöhen, klingt das nach viel. Aber wenn 34.000 Menschen jährlich weltweit durch verarbeitetes Fleisch ums Leben kommen, so ist das ziemlich wenig – vor allem im Vergleich zum Tabakkonsum, der eine Million Todesfälle im Jahr durch Lungenkrebs verursacht.

Mit einer ballaststoffreichen Ernährung lässt sich das Darm- und Magenkrebsrisiko wieder verringern, noch mehr durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Bewegung machen, Übergewicht vermeiden – all das ist zielführender als jede Wurst- und Fleischabstinenz. Die Wurst ist, relativ gesehen, ziemlich wurscht.

Mehr Verkehrstote nach 9/11

Aber der Umgang mit statistischem Risiko fällt den meisten Menschen schwer, und dies hat oft unerwünschte Folgen. Nach dem 11. September 2001 verzichteten Millionen von Amerikanern auf das Fliegen und fuhren lieber mit dem Auto. Die Folge waren mehr Autounfälle. Geschätzte 1.600 Amerikaner kamen dadurch zusätzlich ums Leben.

Noch viel schlimmer waren die Gesundheitswarnungen in den 1980er-Jahren, dass Fettkonsum Herzkreislauferkrankungen verursacht. Vor allem in den USA wurde Fett vom Speisezettel gestrichen und durch Kohlenhydrate ersetzt. Die Folge war die massive Zunahme von Übergewicht in der Gesellschaft, das heute als größte Gesundheitsbedrohung gilt. Im Vergleich zu Zucker gilt Fett inzwischen als eher harmlos.

Risiko nüchtern abwägen

Ob Atomkraft, Gentechnik, oder Schiefergas – ständig ist man mit neuen Techniken und Entwicklungen konfrontiert, deren Risikofolgen ganz nüchtern abgeschätzt werden müssen. Dabei mag es vernünftig sein, möglichst wenig Risiko eingehen zu wollen. Doch gehört dies stets nüchtern abgewogen.

Rauchen ist tausendmal gefährlicher als jede nichtgiftige Speise, die man zu sich nehmen kann. Wer bio isst und sich dann eine Zigarette anzündet, hat sich nur selbst betrogen.

Sitzgurte schützen, SUVs tun es nicht

Sitzgurte sind echte Lebensretter. Der SUV, der Autofahrern ein Gefühl der Sicherheit gibt, ist es nicht. Auch teure Kindersitze bringen für etwas ältere Kinder nicht mehr viel an zusätzlichem Schutz gegenüber bloßem Anschnallen.

Es gibt viele gute Gründe, den Fleischkonsum zu reduzieren. Vor allem die Herstellung von Rindfleisch ist ein Klimakiller und frisst Unmengen an Ressourcen, die den Hunger in der Welt verschärfen. Und ja, ein Übermaß an Rind- und Schweinefleisch ist nicht gesund – und eine billige Extrawurst noch weniger.

Wer isst schon Broccoli?

Aber wer nun auf Wurst und Schnitzel verzichtet, wird deshalb nicht unbedingt auf die medizinische Wunderwaffe Broccoli umsteigen. Deshalb ist Rupprechters Reaktion zwar eines Ministers nicht würdig, aber ein ganz gutes Gegengewicht zu einer Warnung, die leicht missverstanden werden kann. (Eric Frey, 28.10.2015)

  • Auch Schwarzwälder Schinken erhöht laut Studien das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken.
    foto: dpa/seeger

    Auch Schwarzwälder Schinken erhöht laut Studien das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken.

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