Viel Rauch um Kuba

30. Oktober 2015, 05:30
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Seit der diplomatischen Annäherung zwischen Kuba und den USA gibt es eine Art Torschlusspanik. Wer noch nie auf der Karibikinsel war, will möglichst rasch hin, bevor McDonald's und Co dort sind

"El Rapido, claro." Was wie der Name eines Schnellzugs klingt, ist die kubanische Antwort auf McDonald's. Die US-Fastfoodkette ist überall anzutreffen, wo es Touristen gibt, sieht man von Teilen Afrikas und natürlich von Kuba ab. Stimmt nicht ganz.

In Guantanamo Bay gibt es ein Fastfood-Restaurant im Zeichen des gelb geschwungenen M. Das zählt aber nicht. Guantánamo ist extraterritoriales Gebiet, das nach einem 1903 mit den USA auf 99 Jahre abgeschlossenen Vertrag längst wieder an Kuba hätte zurückfallen sollen. Touristen verirren sich auch nicht hin, seit der US-Stützpunkt in der gleichnamigen Provinz im Osten der Insel als Internierungslager für Al-Kaida-Kämpfer herhalten muss und damit zur Hochsicherheitszone geworden ist.

foto: florian albert
Die Zeit scheint auf Kuba in den 1950er-Jahren stehengeblieben zu sein, Oldtimer aus dieser und noch früherer Zeit prägen das Straßenbild. Damit könnte es vorbei sein, wenn die Grenzen offen sind.

Also El Rapido. Ernesto, der in Havanna im dritten Jahr Elektrotechnik studiert, geht voran, quert die Straße, weicht einem roten Oldtimer aus, der eine hellblaue Rauchfahne hinter sich herzieht, biegt um die Ecke, und da ist es schon. El Rapido ist die größte, einzige und staatliche Schnellimbisskette der Karibikinsel. Es gibt Sandwiches, Pizza und Huhn. Eine Mahlzeit kostet in konvertibler Währung zwischen zwei und drei CUC, das sind 1,80 bis 2,70 Euro. Aus den Boxen dröhnen Salsarhythmen.

foto: florian albert

Schnell geht in Kuba wenig, am allerwenigsten eine Fahrt über Land. Was in Österreich eine Kaffeespezialität ist, dient in Kuba als Transportmittel: der Einspänner. Die von Pferden gezogenen Wägen mit Sitzbank, wahlweise für zwei oder vier Personen, sind nicht nur auf Feldwegen oder Nebenstraßen anzutreffen, sondern auch auf den Autobahnen, von denen es auf der Insel einige hundert Kilometer gibt. Wobei Autobahn leicht übertrieben ist.

foto: florian albert
Hello Kitty macht auch vor dem Sozialismus nicht Halt.

Gegenverkehr gibt es zwar nicht, Staus auch eher selten, zumal nur wenige Kubaner ein Auto besitzen. Immer wieder queren aber Fuhrwerke und Traktoren die Autobahn, hie und da sogar Büffel, Pferde und Kühe. Zwischen Havanna und Pinar del Rio okkupierten zwei Dutzend Radsportler die Autobahn, die dort ihr Training absolvierten. Was macht der Busfahrer in so einem Fall? Er fährt noch langsamer.

Handelsembargo

Pinar del Rio ist trotz Slalomfahrt, die der Buslenker zur Vermeidung eines Achsbruchs an Löchern vorbei absolviert, allemal eine Reise wert. Es ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und gleichzeitig das Herz des kubanischen Tabakanbaus. 53 Jahre Handelsembargo durch die USA machen sich nicht nur im Straßenverkehr bemerkbar, wo Oldtimer aus den Fünzigerjahren, x-fach zusammengeflickt, noch immer dominieren. "Kuba ist eine Werkstatt", sagt René, der Reiseleiter. "Weggeschmissen wird nichts. Jede Schraube, jeder Nagel kann irgendwann irgendwo gebraucht werden."

foto: florian albert
Chés Konterfei prangt an der Fassade des Innenministeriums

Deutsch gelernt hat René in Dresden, als Deutschland noch aus zwei Staaten bestand: BRD und DDR. Kuba liebt er, auch wenn die Frauen für seinen Geschmack zu dominant sind und zu viel zu sagen haben.

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Enge Wohnverhältnisse seien mit ein Grund, warum die Scheidungsrate auf Kuba rekordverdächtig hoch ist. Davon merken Touristen, die in einem All-inclusive-Resort in Varadero Mojito oder Daiquiri schlürfen und sich bei Sonnenuntergang am weißen Sandstrand eine Cohiba anzünden, nichts. Eine leichte Ahnung von den Verhältnissen bekommt, wer an der Uferpromenade von Havanna, dem Malecón, auf und ab spaziert und einen Blick hinter die vom Salzwasser der Brandung angefressenen, halb verfallenen Fassaden riskiert.

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Kuba hat neben traumhaften Stränden ...

Eine Idee von den Verhältnissen bekommt auch, wer in einem Privatquartier im Hinterland von Trinidad oder von Pinar del Rio nächtigt. Improvisation wird großgeschrieben, ja muss angesichts des Fehlens einfachster Dinge wie Shampoo oder Rasierklingen großgeschrieben werden. Die mit einer Öffnung und Normalisierung der Beziehungen zu den USA verbundenen Hoffnungen sind groß. "Dann wird hier investiert, dann geht etwas weiter", sagt Ernesto, der Student und Fastfoodfreund. "Dann kommt vielleicht auch McDonald's."

foto: florian albert
... viel spektakuläre Natur zu bieten.

Groß sind auch die Ängste. "Wenn Miami einrückt, was wird aus uns", fragt René, der Reiseleiter. Allein im US-Bundesstaat Florida, keine hundert Seemeilen von Havanna entfernt, leben rund zwei Millionen Exilkubaner, bereit für das große Abenteuer. (Günther Strobl, RONDO, 30.10.2015)

Anreise & Info

karte: der standard

Anreise
z. B. Direktflug mit Condor ab 6. November jeden Freitag Wien-Varadero. Über Frankfurt geht es dreimal wöchentlich nach Varadero und viermal wöchentlich nach Havanna, via München zweimal pro Woche nach Varadero.

Pauschal
z. B. Tui bietet Rundreisen (sieben Nächte ab 579 Euro und 12 Nächte ab 1139 Euro) und Selbstfahrerreisen mit Mietwagen und Übernachtungen in Privatquartieren (sieben Nächte ab 349 Euro) an. Dazu kann man einen Badeurlaub in Varadero buchen.

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Tui und Condor.

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