Demonstration der Macht im Büro: Die Chefsachen

2. November 2015, 13:00
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Wer Chef ist, hat Anspruch auf klar erkennbare Zeichen. Daran haben auch die immer flacheren Hierarchien der heutigen Arbeitswelten nichts geändert

Büros sind mehr als gewöhnliche Arbeitsräume. Sie sind, ob man will oder nicht, in der Regel Spiegelbilder der Macht. Unvergessen bleibt Helmut Kohls Bonner Arbeitszimmer mit heimeliger Münzsammlung sowie unzähligen geschnitzten Holzfiguren, darunter zahlreiche Elefanten. Auch im Film sind exzentrische Raumdetails unerlässlich, um Charakteren Tiefe zu verleihen. So warten die Machtzentralen von Bond-Bösewichten gerne mit gestohlenen Meisterwerken, elektronisch verschiebbaren Türen und Wänden, weißen Katzen oder gar mit Piranhas gefüllten Wasserbecken auf.

foto: ap / karen ballard
Judi Dench alias "M" und Chefin des MI 6 hat im letzten 007-Streifen zwar das Zeitliche gesegnet, ihr Chefbüro braucht dennoch einen, der sagt, wo es langgeht, und der heißt ab nun Ralph Fiennes.

Es geht allerdings auch mit mehr Understatement: Eine Auswahl an persönlichen Objekten, Fotos, Souvenirs und Kunstwerken ist unerlässlich, um die Mächtigen von ausführenden Papiertigern zu unterscheiden. Doch auch bei der Möblierung braucht es die richtigen Utensilien, die unmissverständlich zu erkennen geben, wer die Hosen anhat. Kein anderes Möbelstück vermittelt so viel Macht wie der Bürosessel. Schon in der Antike galt eine hohe Lehne als Hoheitszeichen, und bis heute wird diese Sprache in der Geschäftswelt weiterhin gepflegt. Das Prinzip ist so einfach wie wirkungsvoll: Selbst filigrane Entwürfe wie die Stuhlfamilien "ON" von Wilkhahn, "Kinesit" von Arper oder "Cordia" von Cor sind mit normalen und überhöhten Rückenlehnen erhältlich. So kann eine Büroeinrichtung aus einem Guss geplant werden – ohne Zweifel an der Hierarchie der Sitzordnung aufkommen zu lassen.

foto: hersteller
Der Chefsessel "Cordia" (Cor).

Machtbestuhlung

Wer Chef ist, muss sich ohnehin weniger dem alltäglichen Trubel als vielmehr den großen Plänen widmen. Und dafür braucht es vor allem bequeme Sitzgelegenheiten. Die Verschmelzung von Loungesessel und Drehstuhl ist der große Trend in der Bürobranche. Ein besonders lässiges Exemplar von Machtbestuhlung ist dem Londoner Designerduo Barber Osgerby mit seinem Bürostuhl "Pilot" für Knoll International gelungen. Die Rückenlehne erhebt sich als ein mächtiges Rechteck in die Höhe und formt selbst aus schmächtig gebauten Chefnaturen unanfechtbare Schrankgewalten. Wer die nächste Verhandlung als Sieger verlassen wird, steht mit diesem Sessel außer Frage.

Noch entspannter können Entscheidungen in klassischen Loungemöbeln getroffen werden. Eine zeitgemäße Variante hat das Londoner Designbüro Doshi Levien mit "Almora" für B&B Italia ersonnen. Der auf einem Drehfuß gelagerte Sessel verfügt über eine konisch geformte Schale aus weißem Kunststoff, die von einer ausladenden Kopfstütze aus gebogenem Eichenholz gekrönt wird. Bequem wie der Sitz eines 70er-Jahre-Sportwagens erscheint der Sessel "Healey Lounge" von Walter Knoll. Der Entwurf des Londoner Designteams PearsonLloyd wird von einer schlanken Kunststoffschale umspielt und wirkt selbst von der Rückseite elegant und leicht. Die Armlehnen sind zudem besonders breit gehalten, um Tablet-Computer oder Smartphones ohne Absturzgefahr abzulegen.

foto: hersteller
Ein Platzerl für Chef-Brainstorming ist das Loungemöbel "Almora" aus dem Hause B&B Italia.

Auch wenn Angela Merkels Schreibtisch im Berliner Kanzleramt auf gerundete Kanten setzt, die dem Gegenüber eine weniger abgrenzende Position einräumen: An den Regeln für einen Chefschreibtisch hat sich noch immer nichts geändert: Er muss breit, voluminös und skulptural erscheinen. Zwei adäquate Modelle hat Rodolfo Dordoni mit dem "President Desk" sowie dem "Executive Desk" für Poltrona Frau entworfen. Beide Tische verfügen über Platten aus massiver Eiche, die mit Schubfächern für Füllfederhalter und Schreibutensilien sowie mit versteckten Kabelführungen zum Anschluss technischer Geräte ausgestattet sind.

foto: hersteller
Tisch "Donald Corporate" (New Tendency).

Staatstragend

Auf die Spuren des Minimal Artist Donald Judd begibt sich der deutsche Möbelhersteller New Tendency mit dem Tisch "Donald Corporate", dessen gedoppelte Arbeitsfläche ein schnelles Verschwinden von Laptops und Dokumenten ermöglicht. Staatstragend wirkt der Tisch "Vendôme" von Giulio Cappellini. Die Materialität französischen Marmors bringt einen Hauch von Ewigkeit in den schnelllebigen Büroalltag. Als zeitloser Klassiker für die Beleuchtung potenter Schreibtische hat sich die Leuchte "6631" von Kaiser Idell erwiesen. Der schwarze, schwarz-grüne oder elfenbeinfarbene Schirm wird bis heute von Hand hochglänzend lackiert. Der runde Sockel greift mit seinem verchromten Rand die Krümmung des Leuchtenarms sowie die Wölbung des Schirms auf und erzeugt so ein stimmig durchkomponiertes Ganzes.

foto: hersteller
Tisch "Vendôme" (Giulio Cappellini).

Als zeitloser Klassiker für die Beleuchtung potenter Schreibtische hat sich die Leuchte "6631" von Kaiser Idell erwiesen. Der schwarze, schwarz-grüne oder elfenbeinfarbene Schirm wird bis heute von Hand hochglänzend lackiert. Der runde Sockel greift mit seinem verchromten Rand die Krümmung des Leuchtenarms sowie die Wölbung des Schirms auf und erzeugt so ein stimmig durchkomponiertes Ganzes.

foto: hersteller
Die klassische Leuchte "6631" (Kaiser Idell).

Gefladerter Füller

Natürlich kommt bei einer Vertragsunterzeichnung kein gewöhnlicher Schulfüllfederhalter zum Einsatz. Ein Klassiker ist zweifelsohne das "Meisterstück" von Montblanc aus dem Jahr 1924. Wer es zeitgenössischer mag, ist mit von Franco Clivio entworfenen "Lamy Dialog 3" auf der richtigen Seite. Wird der Stift gedreht, gleitet die partiell platinierte Goldfeder aus dem Inneren des mit Pianolack überzogenen Gehäuses heraus. Doch passen Sie auf, dass Ihr Vertragspartner den Stift nicht einfach mitgehen lässt wie Tschechiens früherer Präsident Václav Klaus. 2011 hatte er bei einer Vertragsunterzeichnung in Chile den Füller einfach in seiner Sakkotasche verschwinden lassen. Dumm nur, dass zahlreiche Kameras auf ihn gerichtet waren und der Vorfall zum wenig staatsmännischen Youtube-Hit avancierte.

foto: hersteller
Der wirklich Mächtige stellt sich auch noch die Tischuhr "Atmos" (Jaeger-LeCoultre) auf den Schreibtisch.

Am Arbeitsplatz der Mächtigen ist eine Tischuhr unerlässlich. Die von Jaeger-LeCoultre produzierte "Atmos" wird seit den 1950er-Jahren als offizielles Geschenk der Schweizer Regierung an Staatsgäste und Vertreter aus Kunst und Kultur verliehen. Das Geheimnis der "Uhr der Präsidenten" basiert auf einer hermetisch verschlossenen Kapsel, die mit dem Gas Chlorethan gefüllt ist. Bei steigender Zimmertemperatur dehnt sich das Gas aus und zieht sich bei sinkender Temperatur am Abend wieder zusammen. Bereits eine Differenz von einem Grad Celsius genügt, um die Uhr für 48 Stunden zum Laufen zu bringen. Die 1928 entwickelte Uhr wartet so mit einem biblischen Alter von geschätzten 600 bis 1000 Jahren auf. Genau richtig für all jene, die noch die wirklich wichtige Aufgaben stemmen wollen. (Norman Kietzmann, Rondo, 2.11.2015)

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