Kunduz: US-Einheit ließ Spital bewusst angreifen

28. Oktober 2015, 05:30
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Gespräche zwischen Militär und Ärzte ohne Grenzen am Tag vor Bombardement, bei dem NGO Anwesenheit von Taliban verneinte

Washington – Die US-Spezialeinheit, die den Luftangriff auf das Spital von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans frontières, MSF) in Kunduz in Nordafghanistan angefordert hat, wusste darüber Bescheid, dass es sich um ein in Betrieb befindliches Krankenhaus handelte. Das Militär soll geglaubt haben, dass Kämpfer der Taliban das Gebäude kontrollieren, wie AP berichtet.

Am 2. Oktober, dem Tag vor dem Angriff, waren ein Offizier der Einheit und ein MSF-Vertreter zu Beratungen zusammengekommen, dabei wurde auch die Frage erörtert, ob sich Kämpfer der Taliban in der Klinik aufhalten würden. Dies wurde von Ärzte ohne Grenzen verneint und die Notwendigkeit der Anerkennung der medizinischen Einrichtung durch alle Konfliktparteien betont.

"Von feindlichen Truppen befreien"

Zwei von AP nicht näher bezeichnete Personen, die Einblick in einen Bericht eines führenden Offiziers der Special Forces erhalten hatten, erklären, dass die Ärzte ohne Grenzen mitgeteilt hatten, dass ihr Personal im Spital stationiert sei. Im Bericht stehe weiters, dass die Klinik unter Kontrolle von Aufständischen sei und dass sie am nächsten Tag "von feindlichen Truppen zu befreien" sei.

MSF hatte die Anwesenheit von Taliban ebenso bestritten wie Berichte, dass US-Truppen vom Gelände des Spitals aus beschossen worden seien.

Die Spezialeinheit hatte bei der Luftwaffe Aufklärungsflüge angefordert, wobei sich dem Bericht zufolge beide Einheiten dessen bewusst waren, dass es sich um eine geschützte medizinische Einrichtung handelte.

Der Angriff wurde von einem Flugzeug zur Luftnahunterstützung des Typs AC-130 geflogen. In fünf Attacken wurde das Krankenhaus über den Zeitraum einer Stunde beschossen.

Opferzahl gestiegen

Ende vergangener Woche hatte Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass die Opferzahl des US-Luftangriffs auf mindestens dreißig gestiegen ist. Zehn Patienten und 13 Spitalsmitarbeiter wurden identifiziert, die Leichen weiterer sieben Opfer konnten nicht zugeordnet werden.

Im vergangenen Jahr waren in dem Krankenhaus mehr als 22.000 Patienten behandelt und mehr als 5.900 Operationen durchgeführt worden.

Untersuchung als Gelegenheit

Ärzte ohne Grenzen hatte nach dem Bombardement eine Aufklärung durch die Internationale Humanitäre Ermittlungskommission gefordert. Jason Cone, MSF-Direktor in den USA, mahnte in einem Kommentar für die "New York Times" zuletzt erneut, dass die Kommission die einzige Einrichtung sei, die auf Basis der Genfer Konventionen Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht untersuchen könne. Die USA sollten die Forderung von Ärzte ohne Grenzen als Gelegenheit sehen, das Engagement Washingtons für das humanitäre Völkerrecht zu bestätigen, die eigene Glaubwürdigkeit wiederherzustellen und den geschützten Status medizinischer Einrichtungen in Kriegsgebieten zu stärken.

Ein Untersuchungsbericht der Nato über den Zwischenfall verzögert sich unterdessen. Auch das US-Militär hat eine Untersuchung angeordnet. (Michael Vosatka, 27.10.2015)

  • Ein verbranntes Bett in der Ruine des Krankenhauses der Ärzte ohne Grenzen in Kunduz.
    foto: ap/rahim

    Ein verbranntes Bett in der Ruine des Krankenhauses der Ärzte ohne Grenzen in Kunduz.

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