Als die SPÖ noch Wirtschaftspolitiker hatte

Kolumne27. Oktober 2015, 17:03
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Androsch war wohl ein recht erfolgreicher Finanzminister, aber für die Sozialdemokratie und für Kreisky zu marktwirtschaftlich orientiert

Es war einmal ein begabter, junger, charismatischer, gutaussehender, fachlich versierter sozialdemokratischer Politiker. Er hätte das Zeug zum Bundeskanzler gehabt. Er war schon Vizekanzler. Aber er wurde es nicht.

Hannes Androsch ist heute ein erfolgreicher Industrieller und mischt immer noch in der (wirtschafts-)politischen Debatte mit. Beim Lesen seiner Erinnerungen, die nun vorliegen, drängt sich die Frage auf, warum die heutige Sozialdemokratie solchen wirtschaftspolitischen Talenten keinen Raum geben kann/will.

Androsch, inzwischen 78, war ein Studentenfunktionär und Wirtschaftsexperte, der mit 32 Jahren Finanzminister wurde und es fast elf Jahre blieb. Als Vizekanzler galt er als logischer Nachfolger des Übervaters Bruno Kreisky. Der zwang ihn jedoch 1981 zum Rücktritt. Die Motive sind viel diskutiert worden: Kreisky konnte den nachdrängenden, strahlenden jungen Mann neben sich nicht mehr ertragen (sagen Androsch und seine Freunde). Die ethischen Ambivalenzen rund um Androschs Steuerberatungskanzlei und die Finanzierung seiner Villa (da gab es auch später eine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung) seien es gewesen (sagen Androschs Gegner).

Es gab wohl einen dritten, sehr wichtigen Grund. Androsch war wohl ein recht erfolgreicher Finanzminister, aber für die Sozialdemokratie und für Kreisky zu marktwirtschaftlich orientiert.

Androsch hielt 1977 einen Grundsatzvortrag zu den "drei großen E": Eigenverantwortung, Eigeninitiative, Eigenvorsorge.

Damit soll einmal einer auf einem heutigen SPÖ- oder Gewerkschaftskongress auftreten. Androsch schreibt: "Schon damals war mir klar – so wie heute noch mehr: Der einzelne Bürger muss mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen, kann nicht damit rechnen, dass ein 'Vollkaskostaat' alles von der Wiege bis zur Bahre stets mit voller Kasse finanzieren kann."

Man ahnt, warum Androsch heute wenig Einfluss auf die Faymann-Hundstorfer-Foglar-SPÖ hat. Damals allerdings genoss er die volle Unterstützung des legendären ÖGB-Präsidenten Anton Benya, wohl, weil er dessen Credo entsprach: "Wir müssen die Wirtschaft in Ordnung halten, um eine hohe Beschäftigung zu sichern, sonst können wir den Sozialstaat nicht finanzieren."

Hannes Androsch hatte mit Sicherheit einen Machtwillen und auch Machtallüren. Das führte auch zu Legenden, wie denen von den "hundert Maßanzügen vom Nobelschneider Knize". Es waren 100 Anzugteile (Hosen, Westen etc.), für die Neider auch noch genug.

Ob er ein guter Bundeskanzler geworden wäre? Seine Wirtschaftspolitik war in den Grundzügen erfolgreich, vor allem die Anbindung an die harte D-Mark.

Heute mahnt er unentwegt Reformen ein, um das Abrutschen Österreichs zu bremsen ("Vor 30 Jahren gab es 50.000 Frühpensionisten, heute sind es 650.000"). Und: "Wer nichts tut, macht keine Fehler, aber das ist der größte von allen." (Hans Rauscher, 27.10.2015)

Hannes Androsch (mit Peter Pelinka), "Niemals aufgeben". € 18,99 / 344 Seiten. Ecowin-Verlag, Salzburg 2015

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