Gesundheitskommissar: "Seuchengefahr ist äußerst gering"

28. Oktober 2015, 13:03
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Derzeit wird immer wieder die Gefahr heraufbeschworen, dass Flüchtlinge Seuchen einschleppen könnten. Das sei eine Lüge, sagt Vytenis Andriukaitis

Vytenis Andriukaitis hat viel Leid gesehen. 1951 noch in der Stalin-Zeit in einem sowjetischen Lager geboren, ist der Litauer nach einem Medizinstudium Herzchirurg geworden. Als sich die Menschenrechtler der Widerstandsgruppe Sajudis in Litauen 1988 gegen die Diktatur aufzulehnen begannen, war er mit von der Partie. So wurde der Sozialdemokrat Politiker, erst Abgeordneter im frei gewählten Sejm in Vilnius, später Minister. Heute ist er EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz.

Eine solche Vita mag der Grund sein, warum Andriukaitis (der auch Geschichte studiert hat) auf die Frage, ob von den Flüchtlingen eine Gefahr der Einschleppung gefährlicher Krankheiten ausgehe, wie auf Social Media oft verbreitet wird, gleich zu einem emotionalen Gegenschlag ausholt: "Meine spontane Antwort darauf ist, wir reden hier von Menschen, die in allergrößten Schwierigkeiten sind, die aus dem Krieg kommen. Das sind nicht irgendwelche Wesen, das sind Menschen, und es gilt zuerst der Leitspruch: SOS."

"Unmoralisch"

Die Flüchtlinge brauchten Hilfe. "Ich kann nicht verstehen, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, als Erstes zu fragen, ob diese Menschen krank sind", fährt er fort: "Es ist unmoralisch, solche Botschaften zu verbreiten. Leute, die das tun, sind einfach Lügner."

Aber sogar der polnische Präsident Andrzej Duda sprach eine solche "Seuchenwarnung" öffentlich aus. Dazu der Kommissar: "Das Risiko, dass von Flüchtlingen eine gefährliche ansteckende Krankheit eingeschleppt wird, ist äußerst gering. Man kann das praktisch ausschließen. Es gibt keine Gefahr. Sie ist nicht größer als auf den Flughäfen von Wien, Berlin oder Kopenhagen, wo ebenfalls hunderttausende einreisen."

Und es sei festzuhalten, dass alle EU-Staaten gemäß der bestehenden gemeinsamen Richtlinie zu grenzüberschreitenden Gesundheitsrisiken vorbereitet seien. Die Bürger müssten sich also keine Sorgen machen. Die einzige Krankheit, die als Risikofaktor überhaupt infrage käme, sei Polio – Kinderlähmung -, die es in manchen Gebieten Syriens oder des Iraks noch gebe. Aber selbst wenn so ein Fall auftreten würde, verfügten die Staaten über die entsprechenden Mechanismen, sofort dagegen tätig zu werden.

Ablehnung gegen TTIP

Andriukaitis wird am Mittwoch zu einem zweitägigen Besuch nach Österreich kommen und Gespräche mit Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser führen. Dem heimischen Gesundheitssystem stellt er ein gutes Zeugnis aus.

Andriukaitis ist auch für Verbraucherschutz und Nahrungsmittelsicherheit zuständig, in die Verhandlungen über das EU-USA-Abkommen für Freihandel und Investitionen (TTIP) involviert. Wie er den starken Widerstand gegen TTIP in Österreich sieht: "Ich war zuletzt in Berlin, als die großen Demos stattfanden. Großartig! Die Leute riefen, dass wir unsere hohen Gesundheits- und Umweltstandards bewahren müssen", so der Kommissar, "ich habe also Verbündete, Balsam für mich."

Es bestehe keine Gefahr, dass das Gesundheitssystem ausgehöhlt werde durch billige Medikamente, denn über unsere Standards werde nicht verhandelt. Andriukaitis findet es gut, wenn über TTIP gestritten wird, "das zeigt allen – auch in den USA -, dass wir bereit sind, für unsere Produktion, für unsere Pharmazeutika, für unsere Lebensmittel zu kämpfen". (Thomas Mayer, 28.10.2015)

  • Eine Ärztin im deutschen Hanau untersucht Flüchtlinge. Das Risiko, dass durch sie ansteckende Krankheiten eingeschleppt werden, ist laut EU nicht höher als auf Flughäfen.
    foto: reuters/kai pfaffenbach

    Eine Ärztin im deutschen Hanau untersucht Flüchtlinge. Das Risiko, dass durch sie ansteckende Krankheiten eingeschleppt werden, ist laut EU nicht höher als auf Flughäfen.

  • EU-Kommissar für Gesundheit, Vytenis Andriukaitis, stammt aus Litauen, ist Herzchirurg und Historiker.
    foto: epa/olivier hoslet

    EU-Kommissar für Gesundheit, Vytenis Andriukaitis, stammt aus Litauen, ist Herzchirurg und Historiker.

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