Ein Asthmamedikament als Jungbrunnen für das Gedächtnis

27. Oktober 2015, 17:59
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Alte Gehirnzellen wieder so lernfähig machen wie junge: Der Salzburger Neurobiologin Julia Marschallinger ist das nun im Tierexperiment geglückt

Salzburg – Warum wird das Gehirn alt? Warum sterben Nervenzellen ab? Könnte es neben den hirnspezifischen Prozessen einen Mechanismus geben, der alle Organe im Körper betrifft, ob Herz, Leber, Lunge oder auch Gehirn? Diese Fragen standen am Anfang der Forschungen des Teams um Julia Marschallinger und Ludwig Aigner, den Leiter des Instituts für Molekulare Regenerative Medizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg.

Ein zentrales Programm im Körper für Degeneration und Regeneration würde, so die Überlegung, einen wirkungsvollen Ansatzpunkt bilden, um die Lebensuhr auf Verjüngung zurückzudrehen. In der Tat, bei den Entzündungen wurde man fündig. Marschallinger: "Im alten Gehirn sind bestimmte Entzündungsfaktoren erhöht. Interessanterweise ist das der gleiche Signalweg, den man von Asthma kennt." Bei Asthma liegt in der Lunge eine Art Entzündung vor. "Genau diese findet man im alten Gehirn."

Leukotriene heißen die verhängnisvollen Entzündungsfaktoren. Gegen Asthma ist mit dem Wirkstoff Montelukast ein Medikament auf dem Markt, das die Leukotrien-Rezeptoren in der Lunge blockiert. Dieses müsste auch die Entzündungen im Gehirn inhibieren, dachte sich die Arbeitsgruppe. Sollten so nicht Hirnalterungsprozesse rückgängig gemacht werden können, die zu verlangsamtem Lernen und einem schlechten Gedächtnis führen? In Verhaltensexperimenten mit Ratten ist dieser Nachweis tatsächlich geglückt. Die Idee dazu stammt von Aigner. Marschallinger hat sie weiterentwickelt und die entscheidenden Laborversuche mit einem internationalen Team durchgeführt. Die Ergebnisse sind nun im Fachblatt "Nature Communications" erschienen.

Neue Nervenzellen

Alte Nager konnten nach sechs Wochen täglicher Montelukast-Gabe wieder gleich gut lernen wie junge. Die verabreichte Dosis war, in Relation betrachtet, vergleichbar jener, die bei Menschen üblich ist. Die alten behandelten Tiere konnten in einem Lerntest den Ausgang aus einem Wasserlabyrinth genauso schnell finden wie die jungen unbehandelten. Vorher waren sie mindestens um die Hälfte langsamer. Auch war ihr räumlicher Orientierungssinn auf jung zurückgestellt, und ihr Gedächtnis verbesserte sich erheblich.

Im histologischen Hirnschnitt stellte Marschallinger eine Verjüngung auf mehreren Ebenen fest: "Bei den alten Ratten haben sich viele neue Nervenzellen gebildet. Hatten sie vorher nur noch zehn Prozent der Nervenzellen der jungen Tiere, waren es nachher 70 Prozent." Außerdem waren die Entzündungszellen geschrumpft. Und zu guter Letzt war die Bluthirnschranke, die im Alter oft durchlässig wird und so möglicherweise neurodegenerative Erkrankungen begünstigt, wieder dicht geschlossen. Junge Tiere hatten keinen Zusatznutzen durch das Medikament, aber auch keine nachteiligen Nebenwirkungen, beobachteten die Forscher.

Stellt sich die Frage, ob auch Menschen durch Montelukast eine Verjüngung erleben. Es gibt Indizien dafür, aber noch keinen wissenschaftlichen Nachweis. Bei Asthmatikern, die regelmäßig Montelukast nehmen, wäre davon auszugehen, dass sich ihre Gedächtnisleistungen verbessern. Ob das tatsächlich so ist, müsse noch geklärt werden. Ab nächstem Jahr sind klinische Studien an Menschen mit Alzheimer und Parkinson-Demenz geplant. (Maria Mayer, 27.10.2015)

  • Diese lichtmikrografische Aufnahme zeigt einen Teil des Hippocampus einer Person, die an Alzheimer leidet. Gegen Degenerationserkrankungen des Gehirns, die durch Entzündungen ausgelöst werden, könnten Medikamente helfen, die bei Asthma eingesetzt werden – entsprechende Studien sind geplant.
    foto: picturedesk.com / science photo library / brion

    Diese lichtmikrografische Aufnahme zeigt einen Teil des Hippocampus einer Person, die an Alzheimer leidet. Gegen Degenerationserkrankungen des Gehirns, die durch Entzündungen ausgelöst werden, könnten Medikamente helfen, die bei Asthma eingesetzt werden – entsprechende Studien sind geplant.

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