"L'Aquarium et la nation": Drei kurze Akte Menschheit

28. Oktober 2015, 11:57
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Der jüngste Film von Jean-Marie Straub

Jean-Marie Straub braucht immer weniger und weniger für seine Werke, ohne dass sie deshalb ärmer würden – aber anders. Das bringt auch die Verwendung digitaler Technologien mit sich, die es ihm ermöglichen, schnell und einfach zu arbeiten, und die seinen Werken eine gewisse Vorläufigkeit verleihen, die es früher bei Danièle Huillet und ihm so nicht gab. Straub begeistert sich, wie es scheint, mehr und mehr für Fragmente, verdichtet auf eine Serie kinematografischer Epigramme.

In seinem jüngsten Werk, L'Aquarium et la nation, sieht das so aus: 1. Ein Bild eines Aquariums, dessen in ihrer kleinen Welt geschäftig hin und her schwimmenden Bewohnern man dabei zuschauen kann – oder auch versuchen zu sehen, was sich dahinter so tut; dazu Musik, die einen auch konzentrierter schauen lässt.

2. Ein Mann liest Textpassagen aus André Malraux' Les Noyers de l'Altenburg, in denen es um die Frage geht, wie Menschen ihrem Dasein Sinn verleihen – wobei sich herausstellt, dass es dafür viele Wege gibt, die einander widersprechen können. Allen Wegen gemeinsam ist, dass sie auf eine Struktur hinauslaufen – ein jeder baut sich sein eigenes Aquarium, das man vor lauter Selbstevidenz kaum mehr zu sehen vermag.

3. Eine Szene aus Jean Renoirs La Marseillaise (1938), entstanden im Schatten deutschfaschistischen Säbelrasselns wie landeseigener antidemokratischer Kabalen, in dem einem Adligen die Idee des Bürgertums erklärt wird, bevor man ihn nach Deutschland exiliert. Darin steckt Polemik, aber auch Trost in Hinblick auf aktuelle Fragen: vom Krieg der Religionen und dessen Machern und Manipulatoren, über die Position Europas in der Welt, bis hin zu den Flüchtlingsströmen, von denen jener aus Syrien dieser Tage der gegenwärtigste ist.

Was hilft? Eine Lust am Zerschlagen etablierter Formen, ein Wille zur Geschichtlichkeit, also zur Erinnerung – und an der Suche nach neuen Strukturen und Gemeinschaften. (Olaf Möller, 27.10.2015)

30. 10., Metro, 21.00

31.10., Stadtkino, 16.00

  • Wille zur Geschichtlichkeit: Lektüren von Jean-Marie Straub.
    foto: viennale

    Wille zur Geschichtlichkeit: Lektüren von Jean-Marie Straub.


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