Spuren aus dem Nichts

28. Oktober 2015, 11:56
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"Santa Teresa & otras historias" von Nelson Carlo de los Santos Aria

Die Schwierigkeit einer konventionellen Beschreibung dieses Films liegt schlicht darin, dass sich Santa Teresa & otras historias einem solchen Versuch entzieht. Dieser Film dauert nur knapp länger als eine Stunde, doch er hat scheinbar keinen Anfang und kein Ende. Womit er beweist, dass eine Erzählung eine solche Dramaturgie gar nicht nötig hat: Vielmehr kann ein Film auch eine Geschichte erzählen, indem er sich in die Tiefe vorarbeitet, eine Schicht um die nächste freilegt, um immer weiter zu etwas vorzudringen, das erst allmählich sichtbar wird.

Das Bemerkenswerteste an dieser Stadt sei die Leichtigkeit, mit der man hier sterben könne, erzählt eine Frauenstimme. Santa Teresa heißt diese Stadt, die es in Wahrheit gar nicht gibt, sondern die nur als fiktiver Ort in einem Roman des chilenischen Autors Roberto Bolaño existiert. Doch in Santa Teresa & otras historias von Nelson Carlo de los Santos Aria, der sich lose an Bolaños posthum erschienenem Werk 2666 anlehnt, gibt es sie doch, denn sie entsteht in unseren Köpfen: durch Geschichten, Stimmen, Farben.

Santa Teresa bildet also ein fiktives und zugleich reales Zentrum, denn es nimmt Bezug auf Ciudad Juárez, jene berüchtigte Stadt im Norden Mexikos, in der hunderte Frauen und Mädchen ermordet wurden oder der Gewalt zum Opfer fielen. Nicht nur aus diesem Grund bleiben die Orte und Schauplätze in diesem Film in gewisser Weise unsichtbar, bilden ein loses Geflecht aus Straßen, Gassen, Häusern und Landschaften.

Eher als die Bilder führen denn auch Töne, Stimmen und die Musik – von Soap&Skin (Brother of Sleep) bis Anne Sofie von Otter (La Mort d'Ophélie) – durch diesen Film; Stimmen von Frauen, die über sich selbst, über die Vergangenheit und eben auch über die "anderen Geschichten" berichten.

Stimmen in der Stille

Zum Beispiel über einen jungen Fotografen namens Juan de Dios Martinez, der von einem Kriminalmagazin losgeschickt worden sei, um der Mordserie nachzugehen. Doch wie der stets unsichtbar bleibende Mann entziehen sich auch die Stimmen einer klaren Zuordnung: Gerade so, als ob sie aus dem Nichts kämen, beginnen die Schilderungen – etwa über Schändungen von Kirchen oder über das Schicksal des Fotografen -, um plötzlich wieder zu enden. Körperlose Stimmen, die zu den unterschiedlichen Schauplätzen führen und einen – etwa in einer in Höhle – in Totenstille zurücklassen. Santa Teresa & otras historias erhebt nie den Anspruch, ein Film "über" etwas zu sein, sondern hier sucht und findet die Idee eine Form.

Gegen Ende des Films sitzt ein Mädchen auf einer hübsch anzusehenden Terrasse und liest: "Die Art, wie die Geschichten aufeinanderfolgten, eine auf die andere, führte nirgendwo hin. Alles, was übrig blieb, waren Kinder, ihre Eltern, die Tiere, einige Nachbarn, und am Ende war alles, was tatsächlich übrig blieb, die Natur. Eine Natur, die sich Stück für Stück auflöste wie in einem kochenden Kessel, bis sie komplett verschwand."

Das ist das Faszinierende und zugleich Verstörende an diesem Film: dass das Sichtbarwerden mit dem Verschwinden zusammenfällt. (Michael Pekler, 27.10.2015)

29. 10., Metro, 18.00 Uhr

30. 10., Stadtkino, 23.30 Uhr

  • Eine Stadt, die nicht existiert: Santa Teresa erzählt als fiktiver Ort vom Sichtbarmachen und vom Verschwinden.
    foto: viennale

    Eine Stadt, die nicht existiert: Santa Teresa erzählt als fiktiver Ort vom Sichtbarmachen und vom Verschwinden.


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