"Dreamcatcher": Rückeroberung der menschlichen Würde

28. Oktober 2015, 10:56
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Kim Longinottos Dokumentarfilm folgt einer ungewöhnlichen Sozialarbeiterin in Chicago. Sie steht Frauen bei, deren Alltag von Gewalt und Drogen bestimmt ist

Im Alter von neun Jahren wurde Dianah gemeinsam mit ihrer Schwester von der eigenen Mutter an einen Drogendealer "verkauft". Bedrückt, aber gefasst räumt diese ein, sie habe damals einfach nicht gewusst, was sonst tun. Die Fragen stellt Brenda Myers-Powell, eine unerschrockene Lady, die schon viele solche haarsträubenden Lebensgeschichten gehört hat. Sie selbst hat nach 25 Jahren Prostitution den Ausstieg geschafft und unterstützt nun mit ihrer Hilfsorganisation, der Dreamcatcher Foundation, Frauen in Chicago dabei, aus dem Teufelskreis von Gewalt und Missbrauch auszubrechen.

Brenda Myers-Powell arbeitet ehrenamtlich. Sie geht in Gefängnisse und gibt den Frauen dort Selbstvertrauen, sie leitet Nachmittagsklassen an Schulen für sogenannte Risikokinder. Wobei "Risiko" ein Euphemismus ist. Jedes der dort aufgefädelt sitzenden Mädchen wurde im Kindesalter sexuell missbraucht: von einem Freund der Familie zu Silvester oder von einem älteren Cousin regelmäßig über Jahre. Die Eltern zeigten sich stets ungläubig. Die Kinder wachsen in einer Rape-Culture auf, die sich von Generation zu Generation fortsetzt. Auch Männer wie Homer sind Opfer, wenn auch viel seltener.

Kim Longinottos Dokumentarfilm Dreamcatcher bringt die verschiedenen Positionen zusammen: armutsgeplagte Familien, verantwortungslose und überforderte Eltern, ahnungslose, gedemütigte Kinder. Die britische Regisseurin und Kamerafrau bleibt dabei eine stumme, wenn auch stets nahe Beobachterin. Sogar ins Badezimmer von Brenda wird sie vorgelassen. Dort klebt sich die resolute Sozialhelferin Wimpern an und schlüpft täglich unter eine andere schnittige Perückenfrisur. Eines ihrer Faibles. Aber: Brenda muss bei ihrer Mission auch gut aussehen, nur so wird sie von den Frauen ernst genommen.

Im Zentrum des Films steht denn auch weniger das brutale Leben dieser Chicagoer Frauen als vielmehr die konkrete Arbeit Brendas, ihre nächtlichen Ausfahrten im SUV, ihre feurigen Plädoyers für gute Bildung und ihr eigenes Privatleben. Denn auch ihre Position als Helferin ist letztlich fragil; häusliche Gewalt und Instabilität halten auch ihre eigene Familie im Bann.

Longinotto, die ihre Filme immer wieder dem Kampf und der Selbstermächtigung von Frauen gewidmet hat (Sisters in Law, Rough Aunties, Divorce Iranian Style), richtet hier den Blick auf eine Pionierin, die tagtäglich die Initiative ergreift und bestens gelaunt für mehr Menschlichkeit eintritt. Dreamcatcher stellt nicht die Opferbilder in den Vordergrund, sondern macht die Kraft dieser Menschen spürbar. (Margarete Affenzeller, 27.10.2015)

30. 10., Urania, 18 Uhr

31. 10., Metro, 13.30 Uhr

  • Brenda Myers-Powell (re.) hilft Frauen dabei, aus dem Teufelskreis von (familiärer) Gewalt und Drogen auszusteigen. Auch ihrer eigenen Schwägerin, deren Sohn sie adoptierte.

    Brenda Myers-Powell (re.) hilft Frauen dabei, aus dem Teufelskreis von (familiärer) Gewalt und Drogen auszusteigen. Auch ihrer eigenen Schwägerin, deren Sohn sie adoptierte.


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