"Sangue del mio sangue": Reinheit und Besudelung

27. Oktober 2015, 17:14
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Der 75-jährige Regisseur Marco Bellocchio ist für seinen jüngsten Film in seinen Heimatort Bobbio zurückgekehrt

Das Städtchen Bobbio liegt pittoresk über einem Flussbett in der Provinz Piacenza, knapp zwei Autostunden von Monza entfernt. Bobbio ist der Heimatort des 75-jährigen Regisseurs Marco Bellocchio und immer wieder Schauplatz seiner Filme. In den vergangenen Jahren hat er hier Workshops organisiert, in die er auch seine Familie involviert hat. Seit 1999 ist so eine Serie von Arbeiten entstanden (zusammengefasst in Sorelle Mai, 2010). Inszeniert hatte er diese Cinema-Verité-Stücke zwischen seinen großen Werken über Schlüsselmomente der italienischen Geschichte – wie den Aldo-Moro-Film Buongiorno, notte (2003) oder Vincere (2009), über Mussolinis Aufstieg.

Jetzt ist Bellocchio wieder mit einem Film nach Bobbio zurückgekehrt, erneut mit Material, das gemeinsam mit seinen Filmstudenten entstanden ist. Sangue del mio sangue besteht aus drei Episoden, die über einen gemeinsamen Ort, das alte Gefängnis der Stadt, verbunden sind. Und wie der Schauplatz selbst, so wandern auch die Darsteller zwischen den Kapiteln weiter und springen dabei durch Jahrhunderte.

Der erste und dritte Akt des Dramas spielen in der frühen Neuzeit, in einem Kloster, in dem ein kanonischer Prozess gegen eine Nonne geführt wird. Der adelige Priester, der ihr Liebhaber war, hat Selbstmord begangen, was dessen Zwillingsbruder (Pier Giorgio Bellocchio, Sohn des Regisseurs) auf den Plan ruft, der die Familienehre durch einen Hexenprozess gegen die Nonne retten will. Bellocchio erzählt davon abwechselnd als unaufgeklärte Sittenkomödie und als Heiligengeschichte, in der die Angeklagte alle Anschuldigungen tapfer auf sich nimmt, während auf der Tonspur Scala & Kolacny Brothers unhistorisch von einer Selffulfilling Prophecy trällern.

Bevor daraus im dritten Akt endgültig ein Mysterium werden darf, führt der Mittelteil des Films als unterhaltsame Farce in die Gegenwart von Bobbio. Ein gebrechlicher Conte mit der Aura eines Berlusconi-Vampirs treibt sein Unwesen und verhindert, so gut er kann, weiter die Modernisierung. "Quanto presente è il passato?", "Wie gegenwärtig ist das Vergangene?", fragt der Bürger Bellocchio. Die Antwort liegt in der Mischung aus Nüchternheit und Delir, die Sangue del mio sangue auch im letzten Akt bestimmt. Besudelung und Reinheit, so viel sei verraten, liegen hier nahe beieinander: nicht die schlechteste Vision der italienischen Wiedergeburt. (Robert Weixlbaumer, 27.10.2015)

28. 10., Urania, 20.30

30. 10., Gartenbau, 13.00

  • In Bobbio überlagern sich die Zeiten: Sangue del mio sangue".
    foto: viennale

    In Bobbio überlagern sich die Zeiten: Sangue del mio sangue".


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