Wie man kompetent krank wird

29. Oktober 2015, 09:00
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Österreicher wissen derzeit zu wenig über ihre Leiden und nicht, wo sie die beste Behandlung bekommen

Im österreichischen Gesundheitswesen kann Verzweiflung manchmal auch ganz hilfreich sein, wie das Beispiel eines Wiener Jungvaters zeigt: Sein neugeborener Sohn litt an einer Deformierung im Kiefer-Rachen-Bereich. Im Krankenhaus wurde den Eltern eine sofortige Operation des Säuglings empfohlen. Alternativen? Eigentlich keine.

Der Vater wollte das so nicht hinnehmen und begann zu recherchieren. Schlussendlich fand er heraus, dass es in Deutschland ein spezialisiertes Zentrum für Fälle wie jenen seines Sohnes gibt. Dort wurde der Bub schließlich behandelt – ohne Operation.

"Akteur" eigener Gesundheit

"Ich bekomme bis heute regelmäßig Nachrichten von der Familie, wie gut es ihnen geht", sagt die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz. Es ist eines ihrer Paradebeispiele für den selbstbestimmten Patienten, einen Bürger, der zum "Akteur der eigenen Gesundheit" wurde – oder in diesem Fall eben zu dem des Kindes.

Gesundheitskompetenz. Schon der Begriff klingt sperrig. Und glaubt man Experten, fällt die Belebung der Worthülse in Österreich schwer. Eine europäische Studie zum Thema "Health Literacy" aus dem Jahr 2012 zeigt: Die Mehrheit der Österreicher ist nicht ausreichend gesundheitskompetent. Es fehlt ihnen also die Fähigkeit, im Alltag relevante Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden. Für die Analyse wurden acht Länder verglichen – schlechter als Österreich schnitten nur Spanien und Bulgarien ab. "Wer der beste Arzt oder welches das beste Krankenhaus für ein Anliegen ist, lässt sich mangels Transparenz hierzulande nicht redlich beantworten", sagt Pilz.

Für Zweitmeinung bezahlen

Die Wahrnehmung der heimischen Kranken ist scheinbar eine andere. Das Forschungsinstitut des Gesundheitsministeriums hat zwischen Mai und Juli 2015 an mehr als 118.000 Patienten Fragebögen geschickt. Die Auswertung der rund 20.000 Formulare, die retourniert wurden, ergab folgendes Ergebnis: 98 Prozent waren mit dem Besuch in der Arztpraxis und 95 Prozent mit ihrem Krankenhausaufenthalt insgesamt zumindest eher zufrieden.

Kritisiert hätten die Befragten vor allem die Umstände, dass mehrere Ärzte die gleiche Untersuchung durchführten, dass verschiedene "Gesundheitsdienstleister" unterschiedliche Informationen gaben und Entlassungstermine nicht eingehalten wurden – das gesamte Ergebnis dieser Patientenbefragung soll allerdings erst im Jänner veröffentlicht werden.

"Befragungen sind ein guter Ansatz. Das Problem ist, dass Patienten einem Arzt nicht ansehen, ob er auf dem neuesten Stand der Wissenschaft ist. Eine Zweitmeinung kann man nur einholen, wenn man sie selbst zahlt, da man auf Kassenkosten pro Quartal nur einen Facharzt aufsuchen darf", kritisiert Pilz.

Anreizen widerstehen

Die Patientenanwältin sagt auch: Seitens der Politik gebe es das Bemühen, die Gesundheitskompetenz der Österreicher zu fördern. Wer sich querstelle, seien oft die Mediziner – vor allem "die ältere Generation" tue sich schwer, mit Patienten auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Wie kann man seine Gesundheit also trotzdem selbst in die Hand nehmen? "Man muss die falschen Anreizsysteme politisch infrage stellen und ihnen auch persönlich widerstehen", sagt Pilz. Schließlich sei Junkfood einfach zu haben und günstig; Nichtraucherbereiche würden oft nicht so freundlich eingerichtet wie die Raucherzonen; fehlen Radwege, fahre man natürlich lieber mit dem Auto: "Gesunde Entscheidungen werden uns sicher nicht leichtgemacht." (Katharina Mittelstaedt, 29.10.2015)

  • Vor allem "die ältere Generation" an Ärzten tue sich schwer, mit Patienten auf Augenhöhe zu kommunizieren, sagt die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz.
    foto: istockphoto.com

    Vor allem "die ältere Generation" an Ärzten tue sich schwer, mit Patienten auf Augenhöhe zu kommunizieren, sagt die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz.

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