"Un jeune poète": Wo nichts stürmt und drängt

28. Oktober 2015, 10:56
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Junger Mann, verhinderter Künstler: Damien Manivels Debütfilm "Un jeune poète"

Rémi ist ein junger Dichter. Das behauptet zunächst einmal der Titel des Films. Tatsächlich aber zeigt Un jeune poète, das Debüt des französischen Regisseurs Damien Manivel, einen dem Jugendalter kaum entwachsenen Mann, der gerne ein Dichter wäre. Ein guter, ein bekannter Dichter. Inspiration sucht er in dem französischen Küstenort Sète. Es ist Hochsommer, die Straßen sind menschenleer, lähmende Hitze liegt über der Stadt.

In diese absolute Bewegungslosigkeit, die Manivel durch das Konzept einer statischen Kamera noch verstärkt, tritt nun also der für jede Eingebung offene, ganz und gar empfangsbereite Dichter. Und es passiert: nichts. Jedenfalls nicht das, was er sich erhofft. Dabei bemüht sich Rémi redlich – wenn auch auf den ausgetretenen Pfaden der Künstlerklischees. Er läuft, nie ohne Notizbuch und Stift ausgestattet, durch die Straßen, besteigt einen Hügel, betrachtet die Natur, er geht in die Bibliothek und ans Meer (heraus kommt eine haarsträubende Ode an den Tintenfisch).

Er hat so seine Rituale, seine Plätze zum Schreiben: eine kleine Mauer, eine Bank gegenüber von einem ganz bestimmten Grab auf dem Friedhof von Sète (der Abspann klärt auf: Es ist das Grab von Paul Valéry). Er trinkt Wodka und sucht soziale Kontakte – etwa zu Enzo, einem lokalen Fischer – und er glaubt in der jungen Fotografin Léonore so etwas wie eine Muse gefunden zu haben.

Un jeune poète ist kein Porträt des Künstlers als junger Mann, eher schon: ein Porträt des jungen Mannes als verhinderter Künstler. Dabei widerspricht der Film allen Konventionen des Coming-of-Age-Films, der die Jugend als eine Ansammlung von Intensitäten oder wenigstens intensiv ersehnten Wünschen erzählt. Nichts stürmt und drängt. Nichts fließt.

Jenseits von Slapstick

Denn wenn der bleiche, sonnenempfindliche Rémi so etwas wie eine "Begegnung" hat, dann allein mit seinem ungelenken Körper, in dem sich das ganze Drama seiner Inspirationslosigkeit manifestiert. Rémis verhaspelte Körperlichkeit wird von Manivel sehr fein und jenseits von Slapstick in Szene gesetzt: wie er mit seinen Flipflops leicht eierig durch die Straßen spaziert, hektisch nach summenden Insekten schlägt. Wenn er nicht weiß, wohin mit seinen langen Armen, die lästig an ihm baumeln – der wenn er sich von Léonore schon verabschiedet hat und sie noch im Gehen mit Fragen aufzuhalten versucht.

Manchmal beginnt er eine Bewegung, und diese erstirbt plötzlich: Zurück bleibt ein halb geöffneter Mund, eine nicht zu Ende geführte Handbewegung. Nahezu jeder Impuls wird von einem Abdrosseln begleitet. Rémi sucht den Dialog, wo nur der Monolog, das einsame Selbstgespräch ist.

Es wäre ein Leichtes, diesen etwas schrulligen Rémi zu verlachen, ihn bloßzustellen. Doch Manivel macht aus Un jeune poète keine Fremdschämerfahrung. Der Ton des Films ist leicht und lakonisch – Kapitelüberschriften strukturieren die Erzählung, verleihen ihr etwas Literarisches – aber er nimmt den jungen Mann, der gerne ein Dichter wäre, ernst. In der Vergeblichkeit seiner Bemühungen liegt etwas sehr Berührendes. Und Wahrhaftiges. (Esther Buss, 27.10.2015)

29. 10., Urania, 18.00;

31. 10., Metro, 13.00

  • Auf dem Friedhof von Sète liegt der verehrte Dichter begraben: Ein Anfang und ein Ende für Rémi Taffanel in "Un jeune poète".
    foto: viennale

    Auf dem Friedhof von Sète liegt der verehrte Dichter begraben: Ein Anfang und ein Ende für Rémi Taffanel in "Un jeune poète".

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