Drei Länder, zwei Grenzen, keine Lösung

28. Oktober 2015, 05:37
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Spielfeld zieht Schaulustige an – ein Lokalaugenschein. Slowenien droht mit dem Bau von Grenzzäunen, Kroatien reagiert harsch

Das Elend dient bisweilen schon als Zeitvertreib. Zwei gesetzte ältere Männer stehen im Kreis etlicher Schaulustiger auf dem Hügel am Grenzübergang Spielfeld und blicken hinunter zu den Notquartieren in der Talsenke, wo sich Asylsuchende an Feuerstellen vor ihren kleinen Biwaks wärmen. Einer von den beiden etwas gelangweilt: "Da sieht man ja an Schas. Kumm, gemma rüber, drüben bei die Jugo ist mehr los." Die zwei Südsteirer stapfen an den umstehenden Polizisten vorbei in Richtung slowenischer Grenze. Ein Dritter macht noch kurz halt und klärt einen der Beamten auf: "Ein Chaos hamma da, sondergleichen, sag ich Ihnen. Die Leut' hier an der Grenz' haben olle totale Muff'nsausen."

Unten in der Zeltstadt, wo sich wieder tausende Flüchtlinge gesammelt haben, herrscht zu dieser Mittagsstunde am Dienstag Ruhe. Viele sitzen auf dem Boden, starren vor sich hin. Sie sind sichtlich erschöpft, zumindest ein paar Kinder sprühen noch vor Energie. Irgendjemand hat ihnen einen Ball gebracht, sie nutzen die freien Flächen zwischen den Zelten als Fußballplatz. Der Rauch, der von den Feuerstellen aufsteigt, legt eine Nebelschicht über das Notquartier.

Geordneter Ablauf

Anders als die Tage zuvor läuft alles geordnet ab. Junge Soldaten mit orangefarbenen Schutzjacken dirigieren die Menschenmassen. Es werden nur so viele zur Grenzstation vorgelassen, wie in den dort wartenden Bus passen. Ein Rekrut begleitet vier Kinder zur Erste-Hilfe-Station. Sie schleppen vollbepackte Rucksäcke, die ihre Körpergröße beinahe überragen. Ein Mädchen hält sich ein Taschentuch an die Stirn. Man denkt kurz: Wo sind die Eltern?

Wenig später bei einem Kurzbesuch in Spielfeld kündigt Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) "besondere bauliche Maßnahmen" im Grenzbereich Spielfeld an. Dies sei auch für Bad Radkersburg in Planung.

Im Notfall Grenzzaun

Auf der anderen Seite der Grenze rechnet man bereits damit, dass die jüngsten Vereinbarungen in Brüssel keine Wirkung zeigen. Am Mittwoch findet eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrats statt. Die slowenische Regierung hat bereits mehrmals wiederholt, dass im Notfall ein Grenzzaun zu Kroatien errichtet werden soll, weil man dem Zustrom von Flüchtlingen nicht mehr gewachsen sei. Innenstaatssekretär Boštjan Šefic kündigte "härtere Maßnahmen" an, falls die Nachbarländer nicht die Empfehlungen umsetzen – gemeint ist vor allem eine bessere Kooperation mittels Kontaktpersonen in den jeweiligen Staaten. Slowenien plant auch den Übertritt von Flüchtlingen aus Kroatien nach Rigonce zu sperren.

Insgesamt wird in Mittel- und Südosteuropa der Gipfel in Brüssel als Versuch interpretiert, den Zustrom an Flüchtlingen zu verlangsamen. Insbesondere in Kroatien und in Serbien hat man aber nun Angst, dass man längerfristig Flüchtlinge aufnehmen soll und die Folgen einer Verlangsamung der Flüchtlingsströme tragen muss. Am Sonntag wurde vereinbart, dass 100.000 Flüchtlinge – davon die Hälfte in Griechenland – untergebracht werden sollten. Wo die anderen genau bleiben sollen, ist noch unklar.

Der Ton zwischen Kroatien, das sich im Wahlkampf befindet, und Slowenien bleibt extrem harsch. Der kroatische Innenminister Ranko Ostojić sagte angesichts der slowenischen Grenzzaunpläne, dass er in der Kolonne mit den Flüchtlingen mitmarschieren würde: "Aber wenn ihr schießt, dann schießt zuerst auf mich!" Ostojić meinte, Kroatien sei bereit, die Hälfte der Flüchtlinge, die ins Land kämen, für kurze Zeit im Land zu behalten – aber mehr nicht, sonst könnte es zu Zwischenfällen kommen. (Walter Müller, Adelheid Wölfl, 28.10.2015)

  • In Spielfeld sollen weitere bauliche Maßnahmen den Übertritt nach Österreich regeln, sagt Innenministerin Johanna Mikl-Leitner.
    foto: apa / erwin scheriau

    In Spielfeld sollen weitere bauliche Maßnahmen den Übertritt nach Österreich regeln, sagt Innenministerin Johanna Mikl-Leitner.

  • Eine Flüchtlingsfamilie versucht mit einem Lagerfeuer gegen die Kälte anzukämpfen.
    foto: apa / erwin scheriau

    Eine Flüchtlingsfamilie versucht mit einem Lagerfeuer gegen die Kälte anzukämpfen.

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