Die geplünderte Königin – Eine kurze Reise nach Beograd

28. Oktober 2015, 07:00
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Ein weiterer Todesfall in meiner Familie bringt mich nach Beograd. Zur Nachlassverhandlung. Ich nutze die Zeit, um die Recherche zu meinem neuen Buch über die Gangster von Beograd zu vervollständigen. Während ich von Buchhandlung zu Buchhandlung gehe, brüllt mir die Armut meiner Heimatstadt schmerzhaft in alle Sinne.

Die Japaner von Beograd

Während unser Flugzeug landet, ist es noch hell, und unterhalb der Wolkendecke erblicke ich Beograd. Aus der Luft sieht es aus wie immer. Ich trete aus der Ankunftshalle. Ein Schwarm Taxifahrer umgibt mich, aber ich will mit dem Autobus fahren. Hinter dem Pulk der Taxler sehe ich einen Gelenkbus. Er ist gelb. An den Seiten steht: "Donation from the people of Japan".

Die gelben Busse fahren seit dem Ende der Nato-Bombardierung. Ich habe keine Ahnung wie sie am Laufen gehalten werden, und kann mich noch erinnern, dass ich sie damals, am Beginn der 2000er, bereits auf den Straßen von Beograd sehe. Bei einigen dieser Busse sehe ich damals auch, dass in den Gummimanschetten am Gelenk riesige Löcher klaffen, sodass man die Passagiere sehen kann. Sie halten sich an den Stangen fest, um in Kurven nicht aus dem Bus zu fallen.

Bei diesem Bus am Flughafen ist die Manschette grob geflickt. Ich kehre in die Ankunftshalle zurück und kaufe ein Bier, weil der japanische Bus erst in zwanzig Minuten fährt. Ein weiterer Taxifahrer spricht mich an. Seine Schicht sei zu Ende, er würde mich für zehn Euro bis in die Innenstadt fahren. Ich darf mein Bier mitnehmen und auch im Taxi rauchen. Als wir Novi Beograd erreichen, bremst der Taxifahrer, parkt vor einem Kiosk und kauft mir noch ein Bier. Das ist bei Gott (an den ich nicht glaube) besser als im japanischen Bus. Ich gebe dem Taxifahrer 20 Euro.

Alte Freunde

Am Abend treffe ich Vedrana, die Liebe meiner Jugend, die nie sein sollte. Sie ist unaufdringlich elegant gekleidet, und ihre Augen sind noch immer so blau wie die Adria, in deren Wellen wir einst toben. Sie bringt eine Überraschung mit. Es ist Ida. Auch sie ist eines der Mädchen aus unserer Sommerclique in Sutivan.

Vedranas Mann fällt in Split vor einigen Jahren tot um, während er auf den Autobus wartet. Massiver Schlaganfall. Idas Schwester Dragana wird vor fast 20 Jahren von "Freunden" überdosiert und zum Krepieren auf dem Teppich einer schmutzigen Wohnung abgelegt. Draganas damaliger Freund, ein Künstler, wird schon zuvor von Kredithaien in seiner eigenen Wohnung zu Tode geprügelt. Auch er stirbt auf einem Teppich. Die Tochter ihrer Schwester zieht Ida wie ihre eigene auf. Das Mädchen ist nun erfolgreiche Studentin der Jurisprudenz.

Ich bin bei meinem Freund Boba und seiner Freundin Vanessa zu Gast. Sie leben in einer kleinen, aber liebevoll ausgestalteten Wohnung. Sie haben zwei kleine Hunde und eine Katze, die sie vor wenigen Jahren allesamt von den Straßen Beograds auflesen. Einst ist Boba dritter Offizier der Handelsmarine. Später betreibt er eine Apotheke, um die ihn bei der Scheidung seine Frau und seine Schwägerin bringen. Danach betreibt er einen Kiosk. Heute hat er einen relativ gut bezahlten Job, den er hasst.

Blaulichtadel

Während ich die Buchhandlungen abklappere, gerate ich zweimal innerhalb einer einzigen Stunde in ein Blaulichtgewitter. Wenige Meter vor mir bremsen Polizeiautos, Polizisten stürmen hinaus, drängen die Passanten beiseite. Sekunden später, aus dem sprichwörtlichen Nichts, sind mehrere schwarze Limousinen da. Der Mann, der aussteigt, ist ein Minister der gegenwärtigen Regierung. Ich kenne ihn von Zeitungsfotos. So viel ich aus den Bemerkungen der Umstehenden höre, ist das ein fast tägliches Schauspiel, weil der Minister im Hotel Moskva mittags seinen Kaffee trinkt.

Nur zwanzig Minuten später gerate ich in dasselbe Schauspiel am Anfang der Knez-Mihajlo-Straße. Ein anderer Minister trinkt hier mittags in einem der zahlreichen Cafés seinen Latte macchiato. Wie der Volksmund zu berichten weiß: mit einem gehörigen Schuss Cognac. Vom Feinsten.

Doch Vanessa erzählt, dass diese Art Begegnung zu den Zeiten der Gang-Klans nerviger Alltag der Bewohner Beograds ist. Damals haben die Angehörigen des Surčin-Zemun-Klans steten Begleitschutz der Angehörigen einer Spezialeinheit der Staatssicherheit und nutzen den Luxus des Blaulichts und der schwerbewaffneten Begleitung, wie Vanessa sagt, "wenn sie sich einen Burek kaufen wollten".

Nachlass

Das Beograd meiner Kindheit ist nun fast so tot wie meine Tante, zu deren Nachlassverhandlung im Dritten Bezirksgericht in Novi Beograd ich fahre. Das Gerichtsgebäude ist nur wenige Meter vom Alten Merkator entfernt, da wo Miroslav Bižić "Biža", der legendäre Belgrader Polizist und spätere Privatdetektiv mit nebeliger Moral, am 21. Mai 1996 von einer Salve durchsiebt wird und auf einer Betontreppe verblutet.

Nach der Verhandlung spaziere ich durch Novi Beograd. Vom Alten Merkator ist es nicht weit bis zu dem Plattenbau, in dem ich vor so vielen Jahren ein so blondes Baby bin, dass mich alle nur "Chruschtschow" nennen. Aus einer Wohnung im benachbarten Plattenbau befehligt am 12. März 2003 Milorad Ulemek Luković, genannt "Legija", das Attentat auf den serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjić. Bis zum Hotel Intercontinental ist es ein langer Spaziergang. Hier wird am 15. Jänner 2000 der Pate von Serbien, Kriegsverbrecher und Warlord Željko Ražnatović, genannt "Arkan", endlich ermordet.

Auf der Fahrt zurück über die Save in das alte Beograd sehe ich einige Alleen, deren Bäume frisch abgesägt sind. Am Abend frage ich Vanessa, was es mit dem Kahlschlag auf sich hat. Sie lacht auf. Die Stadtverwaltung, so erzählt sie, sägt die Bäume nur ab, damit einige bevorzugte Firmen im gestellten Tender die Neubepflanzung zugeschlagen bekommen. Dann nennt mir Vanessa ein gutes Dutzend Straßen und Alleen, die in den letzten paar Jahren kahlrasiert und neu bepflanzt werden.

Die alten Kastanien in der "Studentenstadt" ersetzt man mit Birnenbäumen. Hoffentlich macht jemand Schnaps daraus. (Bogumil Balkansky, 28.10.2015)

  • Novi Beograd.
    foto: bogumil balkansky

    Novi Beograd.

  • Beograd, Innenstadt.

    Beograd, Innenstadt.

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