Am Wirtshaustisch der Intellektuellen

27. Oktober 2015, 12:44
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Dieses Buch ist ein Muss für jene, die schon immer vermutet haben, wie schön diese Welt ohne Neoliberalismus sein könnte

Leicht hatte er es ja nie, der Neoliberalismus. Dabei meinte er es nur gut. So plädierten dessen Gründungsväter in den späten 1930er-Jahren für eine Regulierung der Finanzmärkte – eine Lehre aus der Weltwirtschaftskrise. Klassisch Liberale hielten das für Sozialismus. Ein Vorwurf, der Neoliberalen heute erspart bleibt. Der Begriff Neoliberalismus ist heute eine Art Pumpgun, die im Kampf um die Deutungshoheit im intellektuellen Diskurs alles niedermäht, das der Umverteilung von oben nach unten im Wege steht.

Scharf geschossen wird auch im soeben erschienenen Buch Neoliberalismus. Demzufolge haben wir es mit einer Seuche zu tun, die sich nahezu unerkannt in allen Bereichen unseres Lebens ausgebreitet hat, wie Herausgeber Gerfried Sperl beklagt. Das Werk hält, was Sperl im Editorial verspricht. Es ist ein 109 Seiten langer Schauprozess, ohne Verteidigung. Das beschleunigte Verfahren nimmt dem Buch zwar die Spannung, was nicht heißen soll, dass es langweilig sei. Es gibt viel zu erfahren. Zum Beispiel, dass nicht nur jede Steuersenkung neoliberal ist, sondern auch die Frauenquote. Erst recht die künstliche Befruchtung.

Philipp Ther wiederum entlarvt die Wiener Gemeindebauten als Hort des Neoliberalismus. Dieser steht also nicht nur für ungezügelte Märkte, sondern auch für abgeschottete. Das ist neu. Mariana Mazzucato beschreibt, dass innovative Bereiche der Wirtschaft oft auf staatlich finanziertem Fundament stehen. Lesenswert. Wie auch der Beitrag von George Packer. Sowohl im Original als auch in der von Sperl übersetzten Version. Da wird aus einer konservativen Kritik am Verfall der Sitten und Werte eine Generalvernichtung des Neoliberalismus.

Dieses Buch ist ein Muss für jene, die schon immer vermutet haben, wie schön diese Welt ohne Neoliberalismus sein könnte. Alle anderen werden bei ihrem Abstecher an den Wirtshaustisch der Intellektuellen interessante Einblicke gewinnen. (Franz Schellhorn, Leiter der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Agenda Austria, 27.10.2015)

Gerfried Sperl (Hg.), "Neoliberalismus". Reihe Phoenix. € 14,00 / 112 Seiten. Czernin-Verlag, Wien 2015

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