"Cactus Land": Nummernrevue mit Balkankrieg und Familienaufstellung

27. Oktober 2015, 08:02
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Die Britin Lily Sykes versuchte, die Erinnerungen des preisgekrönten Kriegsjournalisten Anthony Loyd für die Bühne zu adaptieren. Die Uraufführung von "Cactus Land" überzeugt dabei allerdings leider nicht

Graz – Gleich am Anfang ahnt man, dass man dieses Hotelzimmer für die nächsten beiden Stunden nicht verlassen wird. Zwar kommen Frauen durch die Zimmertür, das Fenster oder aus der Badezimmertür gestiegen, doch selbst bleibt man mit dem verzweifelten Hotelgast eingesperrt.

Der von Jan Brunhoeber gespielte Gast heißt Alex Lewis und ist Kriegsfotograf. Er soll dem mehrfach ausgezeichneten britischen Kriegsreporter Anthony Loyd nachempfunden sein und dessen Geschichte erzählen. Die ist lange und noch lange nicht zu Ende.

Loyd, Spross einer wohlhabenden Familie, der Eton abbrach, um auch beim Militär nicht das zu finden, was er suchte, wurde Anfang der 1990er Kriegsreporter. Er saß wie viele seiner Kollegen im "gelben Kasten", dem Holiday Inn in Sarajevo, fest, um über den Krieg zu berichten. Oder, wie er – sich selbst nicht verklärend – in seinem Buch My War Gone By, I Miss It So bekennt, um der Normalität zu entfliehen und Abenteuer und Kick zu suchen. Loyd fand dabei auch eindrucksvolle Bilder und die Frage, wie lange man in einem Krieg neutraler Beobachter bleiben kann.

Das Buch wurde zur Grundlage für das am Samstag in Graz uraufgeführte Stück Cactus Land der 31-jährigen britischen Regisseurin Lily Sykes, die das Thema selbst von Kindheit an beschäftigte: Sykes' Mutter drehte für die BBC Dokumentationen über den Balkankrieg.

Abgesehen von dem Wahnsinn des Krieges, in dem Korrespondenten fast familiär zusammenrücken, handelt Loyds Geschichte auch vom Wahnsinn in Familien, die einem auch in Friedenszeiten zusetzen können. In Loyds Ahnenreihe befinden sich gleich mehrere Kriegshelden und mächtige Mutter- und Großmutterfiguren.

Sykes lässt diese und viele andere Figuren durch das Zimmer und die Erinnerung des Journalisten tänzeln und ihre Geschichten erzählen. Da ist ein Zimmermädchen (Silvana Veit), das kokett mit dem Staubwedel winkend aus einer Verwechslungskomödie entwichen zu sein scheint. Dann ist da die Mutter (Cornelia Kempers), die meist in seltsamen historischen Kostümen einherschreiten muss, manchmal mit der Schwester (Henriette Blumenau) im Schlepptau. Und Martha (Sarah Sophia Meyer), eine Kollegin von Alex, die eher aussieht, als käme sie gerade von einem Marlene-Dietrich-Liederabend (Kostüme: Lena Schmid) denn von einem Massengrab auf dem Balkan, über das sie aufgekratzt berichtet.

Düsterer Chor als Lichtblick

Zu viele Ballons und Wortspiele steigen hier kurz auf und zerplatzen, bevor sie sich mit anderen Fragmenten der Geschichte verbinden könnten. Zwischen Auftritten, die fast schon an eine Nummernrevue erinnern, scheinen kurze Exkurse nach Srebrenica etwas oberflächlich.

Die Biografie Loyds, der zuletzt 2014 in Syrien gekidnappt und verletzt wurde, verliert sich ohne dramaturgische Höhepunkte zwischen Familienaufstellung, Kriegsgräueln und Zimmerservice. Da ist kein Kleister, der alle Teile auf der Bühne zusammenhält. Ein einsamer Lichtblick ist ein Chor aus düsteren Damen. Sie zaubern als Einzige immer wieder verbindende Stimmungen in den Raum, die man bei den anderen, polternden Auftritten vermisst. Gegen Ende formieren sie sich zu einem umwerfenden, mehrköpfigen strickenden Oma-Monster, das Islamistenklischees von sich gibt.

Der Titel Cactus Land, der in defekter Leuchtschrift als Hotelname über der Bühne prangt, stammt aus dem Gedicht The Hollow Men von T. S. Eliot. Die Welt sei, heißt es da, nur das andere Königreich des Todes. (Colette M. Schmidt, 27.10.2015)

Grazer Schauspielhaus, nächster Termin 30. 10.

  • Sarah Sophia Meyer spielt eine Kriegsreporterin. Der an Kriegswitwen erinnernde Chor, auf den sie sich hier vor dem Bett des Kollegen stützt, ist einer der wenigen Lichtblicke des Abends.
    foto: lupi spuma

    Sarah Sophia Meyer spielt eine Kriegsreporterin. Der an Kriegswitwen erinnernde Chor, auf den sie sich hier vor dem Bett des Kollegen stützt, ist einer der wenigen Lichtblicke des Abends.

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