Die blühende Marke Österreich

27. Oktober 2015, 07:27
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Uraufführung eines "Edelweiß"-Rätsels von Alix Eynaudi im Tanzquartier Wien

Wien – Wie heißt dieses Lied? "Auf dem Berge dort oben / Blühst so rein / Klein und fein ..." Genau: Edelweiß. Gesungen ward's anno 1959 rein englisch ("ev'ry morning you're greeting") in dem Musical The Sound of Music. Alix Eynaudi ist nach Yosi Wanunu und The Loose Collective die dritte Stimme aus der Tanz- und Performanceszene, die Österreich mit diesem Werk anspricht. Ihr Stück Edelweiß – ein getanztes Rebus wurde am Wochenende im Tanzquartier Wien uraufgeführt.

Eynaudi (39) stammt aus Frankreich und war sieben Jahre lang Tänzerin bei Anne Teresa De Keersmaekers Kompanie Rosas. Vor einigen Jahren ist sie nach Wien übersiedelt. Mit ihrem neuen Stück liefert sie nun – zusammen mit Alice Chauchat, Mark Lorimer und Cécile Tonizzo – wohl ein spezielles Merci dafür ab, was sie hier bisher erlebt hat. In "Osterlich" (wie Österreich in Charles Chaplins Film The Great Dictator heißt) ahnt man, dass The Sound of Music die subtile Rache der Amerikaner an dieser historischen Brutstätte des Nationalsozialismus war. Die Verfilmung kam jedenfalls 1965, genau zwanzig Jahre nach dem verlustreichen Sieg über das NS-Regime, auf den Markt.

Das von Alix Eynaudi choreografierte Bilderrätsel enthält Anspielungen auf Österreich, die mit dem Image dieses Landes verwoben sind. Flauschig wie die Blüten des Edelweiß sind die teils den Reformkleidern von Emilie Flöge nachempfundenen Kostüme (An Breugelmans), die auf Gustav Klimt verweisen. Dessen Bilder zählen ebenfalls zur "Marke" Österreich. Wichtige Motive, über deren Bedeutung spekuliert werden kann, sind Fische, ein schwarzer Vorhang, hinter dem so manches verborgen wird, und die mit Stimmenflüstern und Vogelzwitschern unterlegte Musik von Luc Ferrari und Edgar Varèse.

Wider die Nützlichkeit

Autobiografische Elemente lassen sich in der Darstellung eines Kindes auf einer Podestbox und einer Holzskulptur erkennen, die eine Storchenmutter darstellt, die ihr Junges füttert. Eynaudi umtanzt dieses Objekt besonders zärtlich. Sie ist hier Mutter geworden. Auf das Podest stellt sie sich und hält die Zeichnung einer Wendeltreppe vor sich, die in eine dunkle Tiefe – oder aus einer solchen heraus – führt. Einmal wird bloß Scheinwerferlicht (Bruno Pocheron) auf der von allen vier Tänzern verlassenen Bühne choreografiert, dann wieder erscheinen Lichtschnitte in der Art von Lucio Fontanas berühmten "Tagli"-Bildern auf finsterem Untergrund.

Edelweiß ist auch ein Statement zur darstellenden Kunst, die immer mehr angehalten wird, nützlich, partizipativ und integrativ zu sein. Gut, wenn Kunstschaffende das freiwillig machen – aber die Verpflichtung von außen dazu ist totalitär. Dagegen leistet Eynaudi Widerstand. Zu Recht. (Helmut Ploebst, 27.10.2015)

  • Probieren verschiedene "Zuschreibungen" an ihren Körpern aus: die Performer von "Edelweiß" im Tanzquartier Wien.
    foto: alexander meerus

    Probieren verschiedene "Zuschreibungen" an ihren Körpern aus: die Performer von "Edelweiß" im Tanzquartier Wien.

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