"Eugen Onegin": Im Eissturm der Leidenschaften

27. Oktober 2015, 07:21
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Anna Netrebko intensiv und stürmisch in Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Oper

Wien – Nur knapp am Nationalfeiertag vorbei schrammte der Auftritt von Anna Netrebko an der Wiener Staatsoper: Und so ergab sich also ein Opernfeiertag just vor jenem der Nation. Intensiv, impulsiv, stürmisch legte die Königin der Opernliebhaberherzen die an sich introvertierte Tatjana an: Oh, welche Leidenschaften doch in literaturbegeisterten Menschen schlummern können!

War da nicht sogar ein Einsatz zu früh? Egal. Berührend, wie innig die bis auf eine kurze Irritation glänzend singende 44-Jährige auch agierte – als unbedingt liebender Teenager etwa. Christopher Maltman stand als Eugen Onegin vor der an sich unlösbaren Aufgabe, sich davon nicht rühren zu lassen. Der Brite gab in seinem Rollendebüt am Haus aber keinen griesgrämigen Dandy, sondern präsentierte anfangs einen vitalen Onegin, der sogar recht freundlich sein konnte. Auch gesanglich setzte Maltman, der im Oktober am Haus in drei großen Partien zu erleben ist, vorrangig auf baritonale Machtdemonstration.

Eher die feine Klinge bevorzugte Dmitry Korchak, als Lenski führte er seinen hellen, schlanken Tenor auf elegante Weise und plusterte ihn nur in seiner großen Arie im zweiten Akt zu maximaler Größe auf. Nach einem wärmenden Bad im Jubel des Applauses lässt sich so ein Duelltod im Dauerwinter sicher leichter verschmerzen. So würdig wie glaubwürdig wirkte Ferruccio Furlanetto als Fürst Gremin, der am Ende die Netrebko bekommt und eine Arie davon singt, dass Liebe keine Altersbegrenzung kennt.

Zoryana Kushpler war eine solide Olga mit Tiefe, dienstbar Aura Twarowska als Amme Filipjewna, farb- und glanzlos Monica Bohinec als Gutsherrin Larina. Der Staatsopernchor sang blass und oft schlichtweg zu leise. Die unterkühlte Inszenierung von Falk Richter war so furchtbar und mühsam anzuschauen (flimmernder Dauerschneefall!) wie immer.

Im Orchestergraben mühte sich Patrick Lange, die Dinge auf differenzierte Weise in Gang zu halten – was dem Chefdirigenten der Komischen Oper Berlin erst ab dem zweiten Akt gelang. Davor gingen die Interpretationsabsichten von Dirigent und Orchester oft getrennte Wege, wobei Letzteres seinen leicht stolpernd beschritt. Begeisterung, nur bei Lange ein paar Buhs. (Stefan Ender, 27.10.2015)

Wiener Staatsoper, 28. 10.; 2., 5. 11. 19.00

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