Pegida-Demo in Dresden: "Merkel muss weg"

Reportage26. Oktober 2015, 22:45
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Pegida marschiert in Dresden ins zweite Jahr. Der Ton ist schärfer geworden, der "Feind" ganz klar Angela Merkel. "Abendspaziergang" mit einem österreichischen Demonstranten.

So viel Ordnung muss sein. Bevor Pegida-Frontmann Lutz Bachmann am Montagabend auf das Wesentliche zu sprechen kommt, gibt es am Dresdner Theaterplatz, vor der weltberühmten Semper-Oper, die wieder einmal als Kulisse herhalten muss, noch ein paar Verhaltensmaßnahmen für die Pegidisten: Kein Alkohol, keine Hunde, keine Splittergegenstände. Fahnenstangen dürfen nicht höher als 1,5 Meter sein.

Hmmm.... Das könnte für den Besucher aus Vorarlberg ein Problem sein. Seine österreichische Flagge samt Bundesadler ragt deutlich höher in den abendschwarzen Dresdner Himmel. "Ist egal", befindet er. Die Flagge hat er immer mit, also warum nicht auch heute. Am Anfang gab es noch ein bisserl Klärungsbedarf. Manche hielten ihn für einen Polen. Du liebe Güte! Da hat Herr Josef gleich einmal aufgeklärt. Er heißt nicht wirklich so, will aber seinen Namen nicht nennen, auch sein Alter nicht (geschätzt 50), nur, dass er aus dem Ländle kommt und seit zweieinhalb Jahren in Dresden lebt. Und dass er oft zu Pegida-Demos geht. Denn: "Nur so kann ich meine Unzufriedenheit zeigen." Wählen geht er schon lange nicht mehr: "Nützt ja nichts. Die Politiker haben jeglichen Kontakt zum Volk verloren." Und das gilt seiner Meinung nach für Deutschland und Österreich gleichermaßen. Deshalb marschiert er mit seiner rot-weiß-roten Riesenfahne auch gleich für die unzufriedenen Österreicher mit.

Der österreichische Muster-Pegidist

Herr Josef ist nicht unhöflich oder unflätig. Er argumentiert und begründet seine Entscheidungen. Er brüllt nicht mit, wenn die anderen brüllen. Er ist in den Augen von Pegida ein Muster-Pegidist. Aber er ist halt eher die Ausnahme. Um ihn herum stehen wieder Tausende, von Zehn- bis 15-Tausend ist später die Rede. Sie brüllen und toben, als Bachmann den Einheizer macht und auf Medien, Politiker sowie Gewerkschafter schimpft, die allesamt das Volk als "williges Stimmvieh" sehen, aber doch nur ihr eigenes Süppchen kochen. Doch lange redet Bachmann nicht, er hat wieder einen Gast mit gebracht: Den Publizisten und Verleger Baal Müller, der auch für die Junge Freiheit schreibt. Der schimpft erst mal auf Feministinnen, die statt sich um jene Frauen zu kümmern, "die Opfer fremdländischer Gewalt" wurden, sich vielmehr um "Gendergerechtigkeit" sorgen. In der DDR war seiner Meinung nach auch nicht alles schlecht. Denn: "Das alte Regime bot eine Sicherheit. Man konnte sich einrichten, es existierte eine homogene Gesellschaft." Heute hingegen sei die Gesellschaft in "zahllose Mileus fragmentiert, eine Minderheit neben der anderen". Deutschland sei noch nie so bedroht gewesen, denn "heute verscherbelt die Bundeskanzlerin das Land wie alten Plunder".

"Asylanten gehören abgeschoben"

"Genaus so isses, die Ausländer überrennen uns, die Asylanten gehören alle abgeschoben", ruft jetzt einer neben Herrn Josef. Jeden Montag ist er dabei. Gut, im Sommer war ja Flaute, da hat es ihn auch nicht gefreut. Aber jetzt marschiert er wieder mit ins zweite Jahr von Pegida. In der DDR war er auch auf den Montagsdemos. "Und wissen Sie, was das gleiche damals wie heute war?" fragt er und gibt die Antwort gleich selber: "Diese Wut im Bauch. Dass keiner auf das Volk hört." Merkel hält er für psychisch krank. "Irre" sei es, so viele Ausländer ins Land zu lassen, Muslime noch dazu. Er ist jetzt in Pension, hat früher im Krankenhaus gearbeitet. "Da haben die echt diskutiert, ob das Kreuz an der Wand die Muslime beleidigt." Pause. "Wo kommen wir denn da hin?"

"Lühschenbrässe!"

Das fragt sich auf der Rednerbühne mittlerweile auch Publizist Müller. Er zitiert aus dem Grundgesetz, beruft sich auf ein Urteil des Verfassungsgerichts und erklärt, dass er wegen der massenhaften "widerrechtlichen Einwanderung", die Kanzlerin Angela Merkel zulasse, Strafanzeige gegen sie erstattet habe. Schließlich habe die Kanzlerin in ihrem Eid geschworen, "Schaden vom deutschen Volk abzuwenden". Diese Juristerei – so wirklich gut kommt das jetzt nicht an bei der Masse am Theaterplatz. Aber man kann das ja auch bequem abkürzen. Irgendwer brüllt dann laut: "Merkel muss weg!" Und flugs skandiert der ganze Platz: "Merkel muss weg! Merkel muss weg!" Das ist Pegidisten-Klartext, noch dazu in nahezu anspruchsvoller Länge. Besonders gern wird noch Kürzeres gebrüllt: "Volksverräter!" Oder: "Widerstand!" Und natürlich auch wieder dabei: "Lühschenbrässe!" (Lügenpresse). Es sind keine simplen, etwas lauteren Töne. Es ist herausgebrüllter Hass. Einer hat auch wieder eine kleine Galgenattrappe mitgebracht und zeigt sie stolz. "Lügenmedien 1933 – Heute" steht darauf.

Aber immerhin: Von Konzentrationslagern, die ja in Deutschland "leider" nicht mehr in Betrieb seien, ist diesmal nicht die Rede. Davon hatte in der Vorwoche der deutsch-türkische Autor Akif Pirincci gesprochen, was selbst so manchen Pegida-Anhänger entsetzte. "Das war aus dem Zusammenhang gerissen", wiegelt hingegen Herr Josefs Nachbar ab. Der hat übrigens auch eine Fahne mitgebracht. Sie zeigt ein schwarz-goldenes Kreuz auf rotem Grund, und auf dem Platz sind viele davon zu sehen. Entworfen hat sie im Jahr 1942 Josef Wirmer, der zum engeren Kreis der Unterstützer des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 gehörte und nach dem missglückten Attentat im Konzentrationslager Ravensbrück hingerichtet wurde. Die Flagge war das Symbol des Widerstands gegen Hitler. "Auch wir leisten heute Widerstand gegen ein verbrecherisches Regime", sagt der Fahnenträger. Wirmers Nachkommen hingegen sind entsetzt. "Es ist im Grunde die Verdrehung all der Ideen, die seine Flagge darstellt", sagte sein Sohn Anton Wirmers Spiegel Online. Die Familie prüft auch rechtliche Schritte, weiß aber, dass es schwieriges Terrain ist.

Gegendemonstranten pfeifen und pfeifen

Mittlerweile hat Müller zu sprechen aufgehört, jetzt beginnt der eigentliche Abendspaziergang. Die Masse setzt sich in Bewegung, marschiert einmal quer durch das Stadtzentrum, wie immer von viel Polizei begleitet. Während der österreichische Herr Josef noch höflich geblieben ist, als man sich selbst gleich als von der österreichischen "Lügenpresse" kommend, vorgestellt hat, sind viele Reaktionen eher weniger druckreif. "Verpiss Dich", ist noch die harmlosere Variante. "Ihr schreibt ja alle nur, was Merkel will, niemand schreibt von Überfremdung und dass Deutschland untergeht", sagt jemand. "Merkel muss weg! Merkel muss weg!" brüllen die anderen ringsum sofort. Es ist, als ob man einen Schilling in eine alte Juke-Box wirft.

Am Postplatz stehen die Gegendemonstranten und pfeifen und pfeifen, die Pegida-Anhänger brüllen zurück und irgendwann stehen wieder alle am Theaterplatz, dem Ausgangspunkt. Jetzt darf noch die Frau jenes Mannes reden, der "angeblich" – wie sie betont – am vorigen Montag einen Journalisten angegriffen hatte. Alles falsch, sagt sie, das war ganz anders. "Lügenpresse! Lügenpresse!" brüllt es daraufhin wieder aus Tausenden Kehlen. "Folgen Sie denen nicht!" Mit diesen Worten warnte Merkel unlängst vor den Pegida-Anführern und erklärte, sie hätten "Hass im Herzen". Herr Josef findet das nicht. "Aber geh", sagt er, "das sind doch keine Nazis, sondern ganz normale Leute." Nächsten Montag wird er mit seiner Österreich-Fahne wieder mitmarschieren. (Birgit Baumann aus Dresden, 26.10.2015)

  • Ausländerfeindliche Parolen auf der Pegida-Demonstration in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden.
    foto: reuters/fabrizio bensch

    Ausländerfeindliche Parolen auf der Pegida-Demonstration in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden.

  • Herr Josef aus dem Ländle hat seine eigene Fahne zur Demo mitgebracht.
    foto: standard/baumann

    Herr Josef aus dem Ländle hat seine eigene Fahne zur Demo mitgebracht.

  • Mit selbstgebastelten Schildern wird auch am ersten Jahrestag der Pegida-Demonstrationen Unmut kundgetan.
    foto: standard/baumann

    Mit selbstgebastelten Schildern wird auch am ersten Jahrestag der Pegida-Demonstrationen Unmut kundgetan.

  • Die Pegida-Demonstranten wissen ganz genau, was Islam bedeutet.
    foto: standard/baumann

    Die Pegida-Demonstranten wissen ganz genau, was Islam bedeutet.

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