Eldorado: Der Paarlauf der Bewegten und Fixierten

27. Oktober 2015, 13:51
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Im Eldorado am Wiener Petersplatz hat heute ein Stück über Migranten und Exotikspießer Premiere. Die Reise eines Duos nach Istanbul ins Sultanat Erdogan wird zur ironischen Parabel über die Flüchtlingskrise

Wien – "Ich will hier weg", sagt sie. Istanbul soll es sein. "Istanbul, ja?", fragt er, "im Winter?" Aber dann kommt er gleich auf den Geschmack, alter Weltreisender, der er ist: Morgenland, Sesamkringel, Bosporus blau. Und sie hat noch kurz Zweifel. "Uns geht es doch so gut hier. Altbau in Wien. Das Parkett knarzt."

So beginnt der Auszug der Bobos. Ein junges austrotürkisches Paar geht in Doyçlender: Almanci von Emre Akal auf die Reise. Das Ziel ist klar: Istanbul, der 15-Millionen-Moloch. Über den Sinn ihrer Unternehmung aber ist sich das Paar höchst uneins. Zugeben würden es die beiden nie. Für die junge Frau (Alev Imrak) ist die Reise ins Land der Eltern ein existenzielles Bedürfnis, für ihn (Daniel Keberle) ein exotisches Erlebnis. "Wir streiten nie! Wir diskutieren. Wir reden immer alles aus", behauptet sie. Eine glatte Lüge. Kurz bevor es kracht, kommt immer verlässlich die Musik. Dann wird schnell getanzt und um die Wette gestrahlt. "Eigentlich scheitern wir", sagt Daniel Keberle über das Stück. Er spielt den oberflächlichen Beziehungstouristen.

Almanci, die Deutschländer, werden in der Türkei ein wenig verächtlich die Gastarbeiter genannt, die mit den Protzhäusern in den anatolischen Dörfern, den Trophäen nach 30 Jahren Fließbandarbeit in Stuttgart. Oder die jungen Austro- und Germanotürken, die zum Urlaub kommen oder Karriere in Istanbuler Bürotürmen machen, wo sie die Krise kriegen, weil ihnen die türkischen Kollegen zu ungeregelt sind.

Doyçlender: Almanci, das dritte Theaterstück des jungen Münchner Istanbulers Emre Akal, ist das Ergebnis einer Forschungsreise. Akal suchte Deutschländer in der Türkei und Türken, die glauben, einen Almanci aus zehn Meter Entfernung zu erkennen. Akals Kommentare und die Testimonials flimmern als Video hinter dem witzig-ironischen Paarlauf von Imrak und Keberle auf der Bühne.

Glückspille für jeden

Es geht also wieder einmal um die Suche: nach dem Selbst, dem Glück, dem Anderen. "Die Menschen glauben, es gibt eine Pille, die nimmt man, und dann hat man gefunden, was man sucht", sagt Asli Kislal, die Regisseurin. Ist natürlich nicht so. Und die Wiener Bobo-Beziehung ist schnell kein Luxusproblem mehr, sondern hängt, ehe man sich versieht, als Parabel zwischen dem autoritär werdenden Sultanat Erdogan und der Massenflucht aus Syrien und Afghanistan nach Europa.

Teile des Stücks spielen in der Zeit der Gezi-Proteste vom Sommer 2013. Kurz vor den Parlamentswahlen am Sonntag diese Woche hat der türkische Staat noch eine Massenverurteilung von Teilnehmern der damaligen Demokratierevolte in erster Instanz erwirkt: 244 Erdogan-Gegner sollen für zwei Monate bis ein Jahr ins Gefängnis.

Doyçlender: Almanci erhielt bei Vorführungen in Istanbul und Ankara vom Herbst 2014 an großen Zuspruch. Denn alle kriegen ihr Fett ab: die Türken, die Germanotürken, die Kurden, die polyglotten Spießer.

Heute, Dienstag, hat das Stück über die Migranten und die Fixierten Premiere in Wien. Die Flüchtlinge von heute sind eben die Migranten in der Gesellschaft von morgen, sagen die Schauspieler. Die österreichische Schnitzel-Integration funktioniert jedenfalls nicht. "Ich bin eine Megafluktuation", stellt die Protagonistin im Stück fest. Sie ist eine der Bewegten, und die wollen nur eines: endlich irgendwo ankommen. (Markus Bernath, 27.10.2015)

Premiere im Werk X-Eldorado, Wien, Petersplatz 1: 27. 10., 20.00; weitere Vorstellungen bis 6. 11.

  • Endlich ankommen, aber wie? In "Doyçlender: Almanci" vom Münchner Istanbuler Autor Emre Akal werden diverse kulturelle Blickweisen neu zueinander in Beziehung gesetzt.
    foto: beste erener

    Endlich ankommen, aber wie? In "Doyçlender: Almanci" vom Münchner Istanbuler Autor Emre Akal werden diverse kulturelle Blickweisen neu zueinander in Beziehung gesetzt.

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