Die Kunst, in aller Klarheit nichts zu sagen

27. Oktober 2015, 08:00
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Antworten geben war einmal: Viele Politiker reihen in Interviews und Reden eine inhaltsleere Sprechblase an die andere. Das Publikum hat die Phrasendrescherei satt, doch hinter der Übervorsicht steckt ein Dilemma: Wer Fehler macht, wird öffentlich zerfleischt

Wien – Das Interview war so wortreich wie inhaltsleer. "Vom Reden ins Tun" wollte Peter McDonald kommen, "Werte und Ziele" pflegen und es "sich dabei nicht leicht machen" – neun zähe Minuten lang ohne verbindliche Festlegung. Unfreiwillig ironisch klang da das Gelöbnis des neuen ÖVP-Generalsekretärs: "Wir brauchen mehr Unverwechselbarkeit und Klarheit im Ausdruck."

Das andere Extrem war ein paar Tage später, ebenfalls in der ZiB 2, zu bestaunen. Präsidentschaftsanwärterin Irmgard Griss wirkte nicht aalglatt, sondern authentisch – aber auch schlecht vorbereitet, unsicher und etwas naiv. Was gerade sie zum Staatsoberhaupt qualifiziere? Triviale Antwort: "Ich kann das so machen, wie ich glaube, dass es richtig ist."

Frisch von der Leber? Zerfleischt!

Wie man es macht, ist es falsch: Das Publikum sehnt sich scheinbar nach unverbrauchten Volksvertretern ohne Phrasendrescherei; doch spricht einer wirklich frisch von der Leber weg, sagt Politikberater Thomas Hofer, "wird er zerfleischt". Selbst wenn manche Zuseher den Auftritt erfrischender gefunden haben sollten als jene Journalisten, die Griss schlechte Presse bescherten: Weil Medien nun einmal Meinungsmacher sind, setze sich ein unprofessionelles Image unweigerlich in den Köpfen fest – auch in jenen der potenziellen Geldgeber.

Allein auf den Ratschlag der Familie, wie das Griss tun will, vertraut deshalb kaum ein Politiker. Gezielt arbeiten sie an Mimik und Gestik, üben rhetorische Kniffe, modulieren die Stimme auf eine angenehme Tonlage oder spielen Interviews im Testlauf durch – und geben dabei viel Geld für spezialisierte Mediencoaches aus.

Nur mit der Kavallerie in die rhetorische Schlacht

Warum sieht das Ergebnis dann oft so ungelenk aus? "Daran sind die Politiker selbst schuld", sagt Christian Moser, Chef der in Wien und Berlin tätigen Media Consult. Alle heimischen Parteien hätten schon zu den Agenturkunden gezählt, sagt der Ex-ORF-Journalist, doch mittlerweile betreue er nur Politiker in Deutschland: "Den österreichischen Politikern fehlt der professionelle Zugang. Sie ziehen in die Schlacht wie ein Heer, das noch auf die Kavallerie setzt."

Es sei ein weitverbreiteter Irrglaube, dass es mit einem Schnellsiederkurs knapp vor dem Wahlkampf getan sei: "Da bekommen Politiker eilig ein paar Phrasen und Grundsätze wie ,Stay on the Message' eingebläut – und enden als Sprechmaschinen." Echtes Coaching hingegen funktioniere wie eine Therapie: "Man muss sich erst genau kennenlernen, um die eigenen Stärken zu finden und diese dann gezielt zu fördern."

Dass dies nicht auf das Stapeln von Textbausteinen hinauslaufen muss, bewies etwa Alexander Van der Bellen, der im Gegensatz zu vielen Kollegen kein Hehl daraus macht, reichlich trainiert zu haben. Trotzdem hat der Ex-Grünen-Chef Eigenheiten wie die langen Nachdenkpausen beibehalten, wenn nicht sogar kultiviert.

Minenfeld der Medien

"Auch Authentizität kann man lernen", sagt der Experte Hofer, der all die wandelnden Sprechblasenproduzenten deshalb nicht für über-, sondern untertrainiert hält. Zu erlernen gelte es etwa die Kunst, in Geschichten verpackte Botschaften loszuwerden, wie das Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) oder ÖBB-Chef und SPÖ-Hoffnung Christian Kern beherrschten. Die meisten Politiker aber verlegten sich ausschließlich auf die Defensive, indem sie jedem scheinbaren Minenfeld mit den ewig gleichen Sprachmanövern ausweichen.

Die Vorsicht hat freilich Gründe. Bei jedem kleinen Ausrutscher bricht in den sozialen Medien ein Shitstorm los, das Internet vergisst nichts. "Ein, zwei Fehler, und die Karriere ist vorbei", sagt SPÖ-Kommunikationschef Matthias Euler-Rolle, der die Scheu vor konkreten Aussagen auf die "verhärtete Front" zwischen Politik und Medien zurückführt: "Interviews werden wie Kreuzverhöre geführt, die Politiker beginnen zu mauern, worauf der Grant der Journalisten nur noch wächst. Das ist ein Teufelskreis."

Hier stehe ich – und weiß nicht, wofür

Karl Duffek, Chef des Renner-Institutes der SPÖ, sieht noch einen anderen Grund für die Flucht in Worthülsen. Frühere Generationen hätten eine tiefgreifende politische Sozialisation hinter sich gehabt – die älteren in der Katastrophe der Diktatur, die jüngeren zumindest in damals hochpolitischen Basisorganisationen. Heute fehle vielen dieses Fundament, auf dem sich prinzipienfest argumentieren lässt: "Politiker wissen oft nicht mehr so genau, wofür sie stehen." (Gerald John, 27.10.2015)

  • Viele Wörter, wenig Inhalt: Die Politiker setzen auf Phrasen, das Publikum ist genervt.
    foto: der standard/karner

    Viele Wörter, wenig Inhalt: Die Politiker setzen auf Phrasen, das Publikum ist genervt.

  • Sebastian Kurz bei einem Ministerrat im Frühjahr.
    foto: cremer

    Sebastian Kurz bei einem Ministerrat im Frühjahr.

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