"Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit gehen gar nicht"

Interview27. Oktober 2015, 05:30
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Ein Klima der Toleranz muss geschaffen werden, sagt Verkehrsbüro-Vorstand Helga Freund

STANDARD: Sie sind die erste Frau im Vorstand des Verkehrsbüros. Gründungsjahr war 1917. Warum hat es so lange gedauert?

Freund: Das müssen Sie die Eigentümer fragen.

STANDARD: Aber Sie haben eine persönliche Meinung.

Freund: Die Vorstände haben immer sehr gut zusammengearbeitet und viel weitergebracht im Unternehmen. Jetzt war offenbar der richtige Zeitpunkt für eine Frau.

STANDARD: Woran wird man die weibliche Handschrift bemerken?

Freund: Ich weiß nicht, ob es das gibt. Ich jedenfalls bin eine Teamspielerin, habe Prinzipien, lasse mich aber auch gern von besseren Argumenten überzeugen.

STANDARD: Worauf legen Sie besonders Wert?

Freund: Auf Transparenz, Ehrlichkeit und konstruktive Kritik.

STANDARD: Und was geht gar nicht?

Freund: Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit. Für mich ist das eine Frage des Prinzips. Gerade im Tourismus ist es wichtig, niemanden auszugrenzen. Es muss gelingen, ein Klima der Toleranz zu schaffen. Dafür sollten wir alle Hebel in Bewegung setzen.

STANDARD: Ist touristisches Reisen in Zeiten von Flüchtlingstrecks quer durch Europa noch angesagt?

Freund: Urlaub, verreisen, ausspannen – das ist ein Grundbedürfnis, das sich die Österreicher und Österreicherinnen nicht nehmen lassen. Das steht ganz oben auf der Prioritätenliste.

STANDARD: Wohin sind Sie das erste Mal allein, ohne Eltern, auf Urlaub gefahren?

Freund: Nach Rom. Damals war ich 15, Italien – das Urlaubsland schlechthin. Die zweite Reise ging in den Süden Frankreichs.

STANDARD: Die Reisebranche befindet sich im Umbruch. Wer wird am Ende unter den Gewinnern sein?

Freund: Man muss flexibel, bereit und in der Lage sein, auf die rasch wechselnden Kundenwünsche unkompliziert zu reagieren. Wenn Tunesien, wie geschehen, plötzlich ausfällt, muss schnell Ersatz geschaffen und wenn möglich anderswo zusätzliche Kontingente dazugekauft werden.

STANDARD: Und Verlierer?

Freund: Die, die so weitermachen wie bisher, weniger flexibel sind und sich nicht rasch auf eine neue Situation einstellen können.

STANDARD: Tourismus ist eine der wenigen Branchen, denen ungebrochenes Wachstum vorausgesagt wird. Warum will aber niemand als Tourist bezeichnet werden?

Freund: Die Klassiker von früher – Pyramiden, Tadsch Mahal – sind heute Standardprogramm. Reisende wollen das Land besser kennenlernen und etwas erleben, das unverwechselbar ist, etwa ein echtes Maya-Dorf. Außerdem wollen sie nicht als Durchreisende gesehen werden, denen man jeden Nepp andrehen kann.

STANDARD: Bei der Weltklimakonferenz im Dezember in Paris wird versucht, die Klimaerwärmung durch Reduktion des CO2-Ausstoßes einzubremsen. Tanzt der Tourismus nicht zwangsläufig aus der Reihe, wenn man an die CO2-Intensität etwa von Fernreisen denkt?

Freund: Die Tourismusbranche ist zweifach betroffen: einmal dadurch, dass es bei fortschreitender Klimaerwärmung gewisse Reiseziele schlicht nicht mehr geben wird, weil sie im Meer versinken. Zum anderen trägt der Tourismus selbst zum Anwachsen der Treibhausgasemissionen bei. Kunden von Hofer-Reisen können ihre flugbedingten CO2-Emissionen berechnen lassen und sich freikaufen – freiwillig. Mit dem Geld finanziert der Kooperationspartner Atmosfair Klimaschutzprojekte, unter anderem in Ruanda, Lesotho, Indien und Nicaragua. Man muss aber ehrlich sagen, viele sind das nicht, die das machen.

STANDARD: Kann sanfter Tourismus mehr als ein Nischenprodukt sein angesichts von Milliarden Chinesen, die es demnächst auf Erkundungstour ins Ausland treiben wird?

Freund: Kaum. Wir Vielgereisten haben schon moralisch kein Recht, jemandem, der noch wenig gereist ist, vorzuschreiben, wie und wohin er verreisen darf.

STANDARD: Welche Destinationen sind im aktuellen Winter hip?

Freund: Kuba sticht besonders heraus. Verglichen mit letztem Winter liegen wir bei den Buchungszahlen um 45 Prozent höher. Gut laufen auch die Dominikanische Republik, Mauritius und Thailand. (Günther Strobl, 27.10.2015)

Helga Freund (53) ist seit 1. Oktober 2015 Vorstand des Verkehrsbüros (Ruefa Reisen, Austria Trend Hotels). Die gebürtige Tirolerin ist seit 2012 Mitglied der Geschäftsführung der Tochtergesellschaft Eurotours, die auch Hofer-Reisen vermarktet. Im Verkehrsbüro-Vorstand ist Freund für die Bereiche Leisure-Touristik, Business-Touristik und IT zuständig.

  • Nur wer es verstehe, auf die rasch wechselnden Kundenwünsche einzugehen, werde den Umbruch in der Reisebranche überleben, glaubt Helga Freund vom Verkehrsbüro.
    foto: regine hendrich

    Nur wer es verstehe, auf die rasch wechselnden Kundenwünsche einzugehen, werde den Umbruch in der Reisebranche überleben, glaubt Helga Freund vom Verkehrsbüro.

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