Schönsaufen zwischen drei und sechs

Blog24. Oktober 2015, 21:39
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Die Indianapolis Colts schickten einen hoch interessanten Beitrag zum Contest für das schlechteste Play in der NFL-Geschichte. Generell gab es Anlass sich die Dinge schön zu reden. Außer in Kansas City, wo man gleich zu härteren Maßnahmen greift

Als NBC Kommentator Al Michaels diesen Spielzug der Indianapolis Colts gegen die New England Patriots bei einem vierten Versuch sah, fragte er sich selbst "...what in the world..?" und forderte seinen Co-Kommentator Chris Collinsworth mit "You tell me." heraus. Der gab eine Antwort, die die halbe Wahrheit vorwegnahm. "Vielleicht haben sie probiert die Patriots ins Offside zu locken?"

"Probieren tan die Hund'", hat mein Opa immer gesagt und irgendwann muss bei den Fohlen aus Indiana wohl ein Retriever dabei gewesen sein. Treuherzig, kinderlieb, aber auch ein wenig schwerfällig im Kopf, denn die Erklärung am Tag danach von Punter Pat McAfee, macht die Sache für Head Coach Chuck Pagano, der als taumelnder Chef im Ring die volle Verantwortung übernahm, nicht besser. Selbst bei Kenntnis der Original Rezeptur dieses Gerichts, das noch dazu den Umschwung in der Partie zu Gunsten New Englands perfekt machte, muss man skeptisch bleiben und es nicht nachkochen. Pagano wollte also Belichick outcoachen, oder zumindest austricksen. Womit? Damit. Center und Quarterback stellen sich auf der einen Seite alleine auf, sollen aber den Ball nur ins Spiel bringen, wenn die Patriots ihr Personal tauschen und mehr als elf Spieler am Feld haben. Im besten Fall laufen sie überhaupt gleich ins Offside.

Nachdem das nicht klappte, denn die Patriots machten überhaupt keine Anstalten ihre Defense zurück aufs Feld zu schicken, hätte es nur mehr zwei bis drei Dinge gegeben, die man vernünftiger Weise tun hätte können: Fünf Yards wegen Delay Of Game kassieren, ein Timeout nehmen oder gleich punten (das vielleicht dann besser doch nicht). Nun hat sich aber während dem Spiel der für dieses Play vorgesehene Center Clayton Geathers verletzt und für ihn lief Griff Whalen aufs Feld. Der steht beim Training allerdings auf der Gegenseite des Punters und fängt dessen Bälle, wusste also von dem ganzen Pagano-Geheimplan überhaupt nichts und übergab den Ball seinem Ex-Freund Colt Anderson, der im selben Moment von New England begraben wurde. Also "nur" ein Missverständnis? Nicht ganz, denn dass von den restlichen neun Spielern auf der anderen Seite nicht mal einer an der Line Of Scrimmage stand und damit auch noch eine Flag wegen Illegal Formation geflogen kam (die natürlich von NE abgelehnt wurde), hätte also im besten Fall eine Wiederholung des Downs gebracht.

Man muss aus der Sache selbst nicht zwingend eine überlebensgroße Geschichte machen, sie zeigt aber den Grad an Selbstüberschätzung in Indianapolis auf. Da redet man unter den Fans gerne vom besten Quarterback der Liga (den sie nur nicht haben), dem zweiten Super Bowl Titel (den sie unter Pagano nie gewinnen werden) und ihr Coaching Staff spielt dieses schwache Lied dann auch noch in der schrägen Tonlage, schickt mit einer Selbstsicherheit das falsche Personal in ein falsches Play gegen den falschen Gegner aufs Feld, wo man vor dem Desaster noch meinen hätte könnte, hier würde gerade die jüngste NFL-Geschichte umgeschrieben. Dabei hat Indianapolis tatsächlich noch kein einziges Spiel außerhalb seiner Division gewonnen. Momentan sprechen eben nur drei Dinge dafür, weshalb die Indianapolis Colts das Playoff erreichen werden: Houston, Tennessee und Jacksonville. Und selbst da sollte man sich nicht allzu sicher sein.

Sie haben Tebow tätowiert!

Die Leiden der jungen 49ers haben, nach zweiwöchiger Pause mit phasenweise ansprechender Leistung gegen die Giants und Ravens, Donnerstagnacht ihre Fortsetzung gefunden. 142 Yards kam man mit acht First Downs gegen Seattle weit und die waren für drei Punkte gut. Ein NFL-Quarterback muss u.a. seine Offense dirigieren, die Defense lesen und Situationen schnell erkennen können. Trotzdem hat sich San Francisco für Colin Kaepernick entschieden. Der hatte zu Beginn seiner Karriere noch ein Passer Rating von rund 100, welches in den letzten Jahren sich stufenweise auf aktuell 82.9 verschlechterte. Bereits während der Ugly-Farewell-Tour von Jim Harbaugh im Vorjahr war er nur mehr bei 86.4 und es zeichnete sich ab, dass mit dem Kollaps des von Harbaugh aufgebauten Systems, auch Kaepernick einknicken wird. Er kann nicht einfach jemand anderer sein. Solche Spieler kennt man. Tim Tebow war so ein Typ, der nur reüssieren konnte, wenn rund um ihn eine starke Mannschaft ein massgeschneidertes Konzept durchzog. Florida hat das sehr gern getan, Denver eher schmallippig und widerwillig. Auch bei den Zahlen nähert man sich an. Die letze Messung eines kumulierten Ratings von Tebow lag leicht über dem aktuellen von Kaepernick (Hallo?!). Es wird so nicht funktionieren und "so" heisst nicht unbedingt mit Kaepernick oder umgekehrt: es geht nur mehr ohne ihn. Nein.

Die Schwachstellen der 49ers in der Saison sind schon Legion. Kaepernick ist lediglich das repräsentative Schaustück in der Auslage. Die O-Line liegt im hinteren Mittelfeld, das Run Blocking ist schwach, die Pass Protection noch viel schwächer. Dass ein derart mobiler Quarterback mehr Sacks kassiert als die Statuen Eli Manning, Kirk Cousins oder Ryan Fitzpatrick spricht Bände.

Was macht die Defense? Sie lässt zum ersten Mal seit der Saison 2008 (106.8) wieder deutlich mehr als 100 Yards Rushing pro Spiel zu (113.3). Dazwischen lag die defensive Traumsaison 2011 mit lediglich 77.2 Yards pro Partie, die man gegen den Lauf hinnehmen musste. Noch viel schlimmer sieht die Passverteidigung aus, die nicht nur statistisch, sondern auch optisch an vorvorletzter Stelle rangiert.

Natürlich lässt sich vieles mit Abgängen erklären, was der neue Head Coach Jim Tomsula aber mittlerweile müde ist zu erklären. Er weiss, dass sein Uhr tickt. Eine Playoff-Teilnahme ist die Fantasie seines Quarterbacks und alleine damit bereits sehr unrealistisch. Er kann seinen Job nur retten, wenn er aus dem was er hat, mehr macht als es das de facto ist. Die Frage ist nur ob ein ehemaliger D-Line Coach dafür die Qualitäten hat. Bisher wirkte er brav und kontrolliert erzürnt, das schwache Spiel gegen den Divisionsrivalen im eigenen Haus machte nun aber auch das bisherige Lamm bissig und bewertete die Leistung als inakzeptabel und unentschuldbar.

Der dritte Mann

Das Leid der Niners ist die Freude der Hawks (3-4), die nach zwei relativ unglücklichen Niederlagen gegen Cincinnati und Carolina nicht nur wieder einen deutlichen Sieg verbuchen können, sondern auch noch von einem Patzer des Tabellenführers aus Arizona (4-2) in Pittsburgh profitieren. Und das kam dem Verlauf nach doch überraschend, denn die Steelers mussten die Operation ohne Chefarzt und seiner Vertretung durchführen. Ben Roethlisbergers Ersatzmann Michael Vick fiel im Spiel aus. Für ihn betrat der bislang unbeschriebene Landry Jones (erstes NFL-Spiel überhaupt) das Feld. Der dritte Mann knackte aber die harte Nuss mit zwei Touchdown-Pässen auf Martavis Bryant, der nach einer hartnäckigen Ellbogenverletzung auch erst sein erstes Spiel in der Saison bestritt.

Bei Head Coach Bruce Arians wird diese Niederlage wohl einige Sorgenfalten hervorrufen. Er (Arians) wäre ja das Role Model für Tomsula, ließ er den Stern des Südens schon mehrmals heller scheinen, als er das vielleicht tatsächlich ist. Aber gegen wen hat Arizona bisher eigentlich gewonnen? Gegen die Letzten der NFC South und NFC West und gegen den Vorletzten und Letzten der NFC North. Ganz ähnlich sieht das bei Seattle aus, deren Record gegen Winning Teams bei 0-3 liegt (GB, CIN, CAR).

Blickt man in Arizona nach vorne, sollte vor ihrer Bye Week (Woche 9) mit Baltimore und Cleveland, Letzter und Vorletzter in der AFC North, das klappen, was gegen den Zweiten der Division nicht möglich war. Ein 6-2 wäre insofern beruhigend, da man danach noch zwei Mal Seattle spielen muss, so wie Cincinnati und Green Bay. Die Schlüsselspiele um die Division sollten aber die direkten Duelle mit den Seahawks und die nur am Papier leichten Partien gegen Philadelphia und Minnesota werden. Ein schöner Paarlauf um den Titel zwischen zwei in Teilen sehr ähnlich gebauten Mannschaften kündigt sich an. Falls St. Louis am Ende nicht gar etwas Wirksames dagegen hat.

Schönsaufen zwischen drei und sechs

Die NFL hat, nach ihrer Ankündigung ab 2018 auch im dann neuen Stadion von Tottenham zu spielen, diese Woche auch den Vertrag mit dem Wembley Stadion bis 2020 verlängert. Auch die Jacksonville Jaguars werden die kommenden fünf Jahre ein Heimspiel pro Saison in London spielen. Falls die Nachricht jetzt jemanden vom Hocker reisst.

Am kommenden Sonntag sind sie heuer im Wembley dran, wenn die Bills ihnen ihre sechste Saisonniederlage beibringen wollen. In einer Woche gastieren dann die Detroit Lions bei den Kansas City Chiefs im Norden Londons. Die haben aktuell zusammen zwei Siege am Konto, das Heimteam hat sich zur Bespaßung daher etwas einfallen lassen: Freibier. Für Freitag wurde extra ein ganzes Pub für 800 Fans angemietet, in dem man sich zwischen drei und sechs am Nachmittag auf Kosten der Chiefs gratis einen umhängen kann. Puls 4 wird vom Trinkspiel dann am Sonntag (1. November) ab 15:30 Uhr live berichten.

Die Methode der Chiefs hat durchaus Potential zur Mehrfachanwendung. Zum Beispiel, um Gefallen am Feilen der NFL an der Syntax zur Definition eines Catches zu finden. Bevor die so weit ist, sind die Detroit Lions endlich einmal auf die Butterseite gefallen, nachdem sie zuletzt wieder Opfer einer Schiedsrichterfehlentscheidung wurden. Ihr erster Saisonsieg wäre vermutlich keiner geworden, wenn die Referees bei ihrer ursprünglichen Entscheidung, dass dieses Play eine Interception für Chicago war, geblieben wären. Das taten sie nicht und stellten auf Touchdown Detroit um. Die Situation ist deshalb kurios (und bietet gleichzeitig eine herrliche Streitgrundlage), weil man sie bei unterschiedlicher Geschwindigkeit auch unterschiedlich bewerten kann. In Echtzeit sieht die Sache klar wie ein Pick aus. Je langsamer das Bild, desto Touchdown. Schlussendlich kann die superste aller Zeitlupen Golden Tate sogar sekundenlangen Ballbesitz und gleich mehrere Footballmoves attestieren, die ihn ja auch zum Runner machten (Meh!). Was in einer Hundertstel Sekunde so alles passieren kann. Die Fragen sind für mich nur, in welcher Zeit Football eigentlich gespielt wird und was man in Echtzeit sehen kann. Ich sehe da immer noch diese Interception. Ein Lösungsvorschlag wäre, dass man sich um drei mit den Chiefs bei ihrem Freibierwirten trifft und dann um 18:01 Uhr eine gemeinsame Entscheidung verkündet. Bevor die Schiedsrichter wieder Blödsinn machen.

Keinen Sinn für Späße hat man mittlerweile in Denver, wenn es darum geht ihren 6-0 Record kritisch zu hinterfragen. Wenn ich hier Colin Kaepernick ein schlechtes Zeugnis ausstelle und mit Tebow vergleiche, was macht man dann mit einem Peyton Manning mit einem 53.3 QBR gegen die Browns? Den nehmen wir ins Pub der Chiefs gleich mit. Cheers!

Football im TV

Für die Saison 2015 hat sich Pro7/sat1 ein umfangreiches Rechtepaket von 50 Live-Spielen gesichert. Pro7maxx überträgt jede Woche ein Frühspiel (19:00 Uhr) und im Anschluss ein Abendspiel (22:05 od. 22:25 Uhr). Davon profitiert auch Puls 4, welches 30 Spiele live überträgt. Jeden Sonntag ein 22:25 Uhr Spiel, zwei Nachmittagspartien (15:30 Uhr) aus dem Wembley Stadion, so wie alle Playoffs, sprich vier Wild Card, vier Divisional Playoffs, die beiden Conference Finals und die Super Bowl 50. Alle 30 Partien darf ich zusammen mit Michael Eschlböck kommentieren. Sport1US hat die Rechte für die Nachtspiele am Donnerstag (2:25 Uhr), so wie Sonntag und Montag (jeweils 2:30 Uhr) geholt. Alle Spiele live, den Redzone Channel und condensed games gibt es im NFL Gamepass zu sehen. Das Sportportal Spox hat Online-Rechte für die Nachtspiele am Donnerstag, Sonntag und Montag erworben.

Das NFL TV-Programm der Woche 7:

New England Patriots vs. New York Jets
Sonntag 18:00 Uhr – Pro7maxx

San Diego Chargers vs. Oakland Raiders
Sonntag 21:05 Uhr – Pro7maxx

New York Giants vs. Dallas Cowboys
Sonntag 22:05 Uhr – Puls 4

Carolina Panthers vs. Philadelphia Eagles
Nacht Sonntag auf Montag 01:30 Uhr – Sport1US/spox.com

Arizona Cardinals vs. Baltimore Ravens
Nacht Montag auf Dienstag 01:30 Uhr – Sport1US/spox.com

Schöne Spiele und vielleicht bis Sonntag.

Ihr Walter Reiterer

Achtung Zeitumstellung in Europa, aber noch nicht in den USA. Die Spiele der Woche 7 beginnen daher eine Stunde früher. In Woche 8 ist wieder alles "normal". Puls 4 steig um 22:05 Uhr live in die Partie Giants vs. Cowboys ein, das wird ca. der Beginn des zweiten Viertels sein.

  • "What in the world..?" Colts Fans hatten es gegen die Patriots nicht leicht.
    foto: allen kee/espn images

    "What in the world..?" Colts Fans hatten es gegen die Patriots nicht leicht.

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