"Afternoon": Der Meister und sein geliebter Mönch

23. Oktober 2015, 19:57
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In "Afternoon" trifft sich Regisseur Tsai Ming-liang mit seinem wichtigsten Schauspieler Lee Kang-sheng zu einem ausführlichen Gespräch. Es gibt Aufschluss über eine berührende Freundschaft, die das Fundament eines einzigartigen OEuvres darstellt

Der in Taiwan tätige Regisseur Tsai Ming-liang ist auch in Wien längst kein Unbekannter mehr. Vor zwei Jahren zeigte die Viennale seinen jüngsten Spielfilm Stray Dogs, eine der eindrucksvollsten Arbeiten des damaligen Kinojahres. Eine obdachlose Familie zieht darin durch das dauerverregnete Taipeh, in dem die Immobilienkrise wütet. Mit seinem Theaterstück Der Mönch aus der Tang-Dynastie war Tsai auch bei den Wiener Festwochen zu Gast. Lee Kang-sheng, sein Stammschauspieler, begeisterte in dem Zeitlupentheater mit kaum mehr sichtbaren Bewegungsabfolgen.

In Afternoon (Na Ri Xiawu) bedient Tsai, von dem auch der diesjährige Viennale-Trailer stammt, eine ähnliche Logik der Reduktion. Es handelt sich um ein Gespräch zwischen Tsai und Lee, gedreht an einem Tag, in vier langen Einstellungen, die durch Schwarzkader unterbrochen sind. Schauplatz ist das oberste Stockwerk eines verfallenen Hauses, das gut aus einem der früheren Filme stammen könnte, jedoch inzwischen den beiden gehört. Zwei (glaslose) Fenster geben den Blick auf das prächtige Grün der Umgebung frei, und hin und wieder schaut der Wind kurz hinein.

Ungewöhnliches Verhältnis

Dass das Verhältnis von Tsai zu Lee eines der ungewöhnlichsten des Weltkinos ist – allenfalls historisch vergleichbar mit jenem von Akira Kurosawa und Toshiro Mifune -, davon liefert Afternoon in einer entspannt dahinmäandernden Konversation viele Belege. Nicht das Werk, die Zusammenarbeit seit Tsais Debüt Rebels of the Neon God (1992), steht im Mittelpunkt, sondern die große Nähe der beiden zueinander. Tsai bezeichnet Lee wechselweise als seinen Sohn oder als seinen Partner; dass der Regisseur schwul ist und Lee sich als Mensch ohne Begehren beschreibt, spielt keine ganz zu vernachlässigende Rolle.

Zu Beginn spricht ohnehin nur Tsai, der um vieles Extrovertiertere des Duos, während sich Lee auf die Rolle des Zuhörers verlegt, der lakonisch interveniert. Tsai erzählt davon, dass er befürchte, bald zu sterben – eine Sorge, die Lee nicht unbedingt zu teilen scheint. Und doch bilden solche bangen Zustände und emotionalen Verfassungen das Band zwischen den beiden. Man sorgt füreinander, und die Arbeit des einen ist ohne den anderen nicht denkbar. Womöglich ist die Zusammenarbeit, Tsai deutet das wiederholt an, der einzige Weg zu einem geteilten Glück, einem, das das profane Leben nur bedingt bereithält. Dass sich Lee in seiner Laufbahn immer mehr selbst in einen Mönch zu verwandeln scheint, der in seinen Bewegungen verschwindet, wirkt nur konsequent.

Doch Afternoon ist ein Film, der selbst nicht zu fassen ist, beweglich und unstet, beredt und immerzu bedroht vom Schweigen, voller Aufwallungen von Pathos und plötzlich in komischer Distanz zu sich selbst. Das scheinbar Banale, das zu jeder Freundschaft gehört, vermag von einer Minute zu anderen in einen Zustand von Transzendenz zu kippen.

An einer Stelle tauschen sich die beiden über die Lieblingsstädte aus, die sie gemeinsam bereist haben, eine kleine Übung der Erinnerung. Dann spricht Tsai davon, dass er Ruinen liebt: "Alle unsere Filme sind Ruinen." (Dominik Kamalzadeh, 24.10.2015)

26. 10., Metro, 13.00 30. 10., Metro, 13.00

  • Zwischen Lachen und Räsonieren: Tsai Ming-liang (li.) und Lee Kang-sheng beim Kamingespräch.
    foto: viennale

    Zwischen Lachen und Räsonieren: Tsai Ming-liang (li.) und Lee Kang-sheng beim Kamingespräch.

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