"Tangerine": Unweit von Hollywood

23. Oktober 2015, 19:48
posten

Energisch und bunt: Sean Bakers "Tangerine"

Auf einem fröhlich gelben Hintergrund läuft der Vorspann in eleganter Schrift. Dazu spielt ein beschwingter Walzer aus der hundert Jahre alten Weihnachtsoperette Babes in Toyland. Der Hintergrund entpuppt sich als Nahaufnahme einer Tischplatte. Zwei Paar Hände kommen ins Bild. Das eine packt einen knallbunt glasierten Donut aus und schiebt ihn dem anderen zu. Eine leicht affektierte Frauenstimme erklingt: "Frohe Weihnachten, Schlampe!"

Diese erste Einstellung enthält schon das Grundprinzip von Tangerine. Wiederholt lässt Sean Baker mit überraschendem Humor Gegensätze aufeinanderprallen: Zärtlichkeit und Härte, Wunsch und Wirklichkeit, Spiel und Ernst, Vergangenheit und Gegenwart. Die Handlung umfasst wenige Stunden. Auch am frühen Weihnachtsabend scheint in L. A. die Sonne vom wolkenfreien Himmel.

Sin-Dee Rella wurde gerade aus einer kurzen Haftstrafe entlassen. Sie erfährt von ihrer besten Freundin Alexandra, dass ihr Boyfriend und Zuhälter Chester in der Zwischenzeit mit einer anderen geschlafen hat. Sin-Dee will Chester zur Rede stellen – mit dem menschlichen Beweisstück im Schlepptau. Die Transsexuelle macht sich auf die Suche nach Chesters Affäre, einer weißen Frau "mit Vagina und allem". Eine rasante Jagd zu Fuß durch die Blocks um den Santa Monica Boulevard beginnt.

Dort fährt auch Taxifahrer Razmik umher – nicht nur auf der Suche nach Kundschaft. Zu Hause wartet seine aserbaidschanische Sippschaft mit dem Weihnachtsdinner. Erst spät im Film kreuzt sich seine Geschichte mit der von Sin-Dee und Alexandra. Was zu einem explosiven Finale führt.

Mit iPhones gedreht

Wie schon in seinem letzten Film gibt Sean Baker einen ungewöhnlichen Einblick in das Leben von Sexarbeiterinnen unweit der Glamour-Industrie Hollywoods. Im Vergleich zu Starlet mit seinen ausgebleichten Bildern ist Tangerine jedoch belebend bunt, schrill und voller Energie. Das liegt vor allem an den beiden grandiosen Hauptdarstellerinnen Kitana Kiki Rodriguez und Mya Taylor, die selber aus der Transsexuellen-Szene von L. A. kommen und am Skript mitgearbeitet haben.

Der Realismus wird dadurch verstärkt, dass Tangerine mit unauffälligen iPhones gedreht wurde, aufgerüstet mit neuartigen anamorphen Objektiven, die den Telefonen tatsächlich kinoreife Cinemascope-Bilder entlocken. Die leicht künstlich wirkende Übersättigung der Farben und die schroffen Kontraste passen perfekt zur Erzählhaltung des Films, der geradezu altmodisch hoffnungsvoll und leichtherzig bleibt, ohne irgendetwas am Leben seiner Protagonistinnen zu beschönigen. (Sven von Reden, 24.10.2015)

27. 10., Gartenbau, 23.00 28. 10., Stadtkino, 13.30

  • Kitana Kiki Rodriguez (re.) und Mickey O'Hagan in "Tangerine".
    foto: viennale

    Kitana Kiki Rodriguez (re.) und Mickey O'Hagan in "Tangerine".

Share if you care.