"Queen of Earth": Unter Hochspannung

23. Oktober 2015, 19:39
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Kammerspiel zerstörter Seelen: Alex Ross Perrys "Queen of Earth"

"Vielleicht wird es dir irgendwann auch mal richtig scheiße gehen, und dann werde ich auch nicht für dich da sein – und wir sind quitt." Sagt Virginia zu Catherine in Queen of Earth. Für einen Abschied unter Freundinnen ist der Tonfall ungewohnt harsch. Aber geschont haben sich die Charaktere in den Filmen von Alex Ross Perry nie. Worte sind in den Filmen des US-amerikanischen Independent-Regisseurs oft messerscharf. Treffsicher zielen sie auf genau die Stellen, die besonders wehtun: künstlerische Ambitionen und ihr Scheitern, finanzielle Abhängigkeiten, die Objektwahl in Liebesbeziehungen und ähnlich Existenzielles.

Einen Sommer später: Catherine (Elisabeth Moss) geht es richtig scheiße. Ihr Vater hat sich das Leben genommen, der Freund Schluss gemacht. Exil findet sie bei Virginia (Katherine Waterstone) in einer abgeschiedenen Hütte am See. Schon den Sommer zuvor war sie dort, hat ungefragt den Freund mitgebracht und der Freundin das Glück der Paarsymbiose unter deren gerümpfte Nase gehalten. In Rückblenden schiebt sich die Vergangenheit immer wieder ins Jetzt. Doch diese Vergangenheit sortiert nicht, wie das in Flashback-Erzählungen allgemein üblich ist. Sie ist von Wahrnehmungsstörungen durchwirkt, ebenso wie die Gegenwart.

Angst, Paranoia, Verstörung

Queen of Earth setzt die beiden Frauen von Anfang an unter ein Hochspannungsverhältnis. Zunächst ist es ein bissiger Satz, ein starrer Blick, ein heruntergezogener Mundwinkel. Als ein Dritter in Form eines Nachbarn in das Beziehungsgefüge tritt – eine Spielfigur, mit der sich die Kräfteverhältnisse umsortieren lassen -, breitet sich die Atmosphäre aus Angst, Paranoia und Verstörung immer weiter aus.

In einer langen Szene sitzen Catherine und Virginia eng nebeneinander und vertrauen sich vergangene Beziehungskatastrophen an. Die Kamera wandert langsam von einem Gesicht zum anderen, als suche sie nach einer fehlenden Verbindung. Doch was bleibt, sind zwei voneinander isolierte Monologe, die da in den eigenen Raum hineingesprochen werden. Perry lässt dabei die Gesichter der beiden Darstellerinnen zu einer Ausstellungsfläche wachsender Destabilisierung werden. Jede noch so kleine innere Regung wird sichtbar nach außen gebracht. Die Gesichter gleichen so einem ereignisreichen Bewegungsbild, das sich durch Schatten, Falten, Zucken, Beben und Tränen ständig neu moduliert.

Nach dem Wortreichtum der Vorgängerfilme The Color Wheel und Listen Up Philip spricht nun auch die Stille: Bilder des flirrenden Wassers, unheilvoll aufgeladene Gegenstände, stumme Gesichter. Mit seinen unverhohlenen Reminiszenzen an Roman Polanski – ein beunruhigender Psycho-Score, subjektive und Weitwinkelperspektiven – sucht Perry erstmals, und das sehr explizit, die Nähe zum Genrekino.

Queen of Earth ist eine Freundschafts- und Persönlichkeitsstudie im Gewand eines Horrorfilms, folgt aber gleichzeitig auch dem Seelenentkleidungskino Ingmar Bergmans. Eine hervorragende Mischung, die dem Schmerz und dem Diabolischen gleichermaßen Raum gibt. (Esther Buss, 24.10.2015)

25. 10., Gartenbau, 18.00 26. 10., Stadtkino, 13.30

  • Unheilvolle Gegenstände, ausdrucksstarke Gesichter: Elisabeth Moss in Alex Ross Perrys "Queen of Earth" .
    viennale

    Unheilvolle Gegenstände, ausdrucksstarke Gesichter: Elisabeth Moss in Alex Ross Perrys "Queen of Earth" .

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