Ferrer nimmt Fognini die Lust aufs Semifinale

23. Oktober 2015, 20:10
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Spanisches Arbeitstier lässt italienischer Diva in zwei Sätzen die Luft aus. Ein pädagogisches Lehrstück vor über 9000 Zuschauern – Karlovic und Anderson ausgeschieden

Wien – Der topgesetzte Spanier David Ferrer hat bei den Erste Bank Open noch viel vor, schlug im Viertelfinale den Italiener Fabio Fognini mit 6:4 und 6:2.

Fognini begann amtsbekannt: Bei Aufschlag des Gegners eher leger, an der Grenze zur Lustlosigkeit. Bei eigenem Service aber höchst kreativ (Vorhand-Slice-Winner!). Im zweiten Aufschlagspiel Ferrers sollte sich das ändern: Fognini diktierte das Geschehen mit perfekter Technik in seinen Grundschlägen, ließ Ferrer in alle Richtungen des Platzes hecheln. Das Break zum 2:1 war die logische Folge. Es sollte leider nur eine kurze künstlerische Blütephase sein.

Es entwickelte sich hochamüsanter Grundlinienkampf und ein Duell darum, wer den brutaleren Winkel ansteuern kann. Fognini musste alsbald nicht nur das Re-Break zum 3:3 einstecken, Ferrer machte bei 5:4 auch den ersten Satz zu, weil der Italiener irgendwo auf dem Weg seine Vorhand verloren hatte.

Eine vernichtende Bilanz

Ferrer entschied nun auch das neunte Duell mit Fognini für sich. "Ich werde sehr gut spielen müssen, um zu gewinnen", wollte der in diesem Jahr vierfache Turniersieger seinen Viertelfinalgegner nicht unterschätzen.

David Ferrer, was für ein Typ. Seit Jahren Weltklasse, hat der Spanier ein besonderes Pech: Drei der größten Legenden, die der Tennissport je hervorgebracht hat, versperren ihm jeden Weg zu einem Grand Slam Titel. Ein kleiner Trost: Roger Federer bezeichnete Ferrer einmal als besten Returnspieler. Der Spanier ist keine Rampensau, weist derartige Komplimente immer wieder artig zurück. Star-Allüren sind ihm fremd.

Ferrer hatte auch nicht gejammert, als am Dienstag alle Begleitumstände gegen ihn waren: Schwerer Jetlag, körperlich angeschlagen und das letzte Spiel des Tages zur Geisterstunde. Draußen vor der Halle, auf dem Lerchenfelder Gürtel schüttete es ordentlich. Ein Abend, an dem man – Achtung! eine österreichische Spezialdisziplin – ruhig den Hut hätte drauf hauen können. Nach einem katastrophalen ersten Satz entschied sich Ferrer aber, dass er doch länger in Wien bleiben will. Und steigerte sich von Runde zu Runde dramatisch.

Ein italienische Diva

Bei Fabio Fognini verhält es sich anders. Wenn der Italiener Lust hat, ist es wirklich eine Augenweide, ihm beim Tennisspielen zuzuschauen. Er kann alles, beschleunigt den Ball wie kaum ein anderer, schlägt Winner aus aussichtslosen Lagen. Und er hat das Potenzial, auch die Allerbesten zu ärgern.

Wenn Fognini keine Lust auf Tennis hat, dann soll das auch jeder sehen. Auf grandiose Punkte folgt immer wieder totale Demotivation. Fehler? Ist doch wurscht. Seinen negativen Höhepunkt erreichte Fabio Fognini womöglich in der vergangenen Saison in Cincinnati, als der Italiener nach verlorenem Startsatz beim Stand von 4:5 im zweiten Durchgang (absichtlich) zwei Doppelfehler servierte und ihm anschließend ein Fußfehler unterlief. Bei 0:40 konnte er den letzten Punkt gar nicht mehr abwarten und gratulierte seinem Gegner Radek Stepanek vorzeitig zum Sieg. Rotziges Verhalten Fogninis abseits vom Turniertennis wurde übrigens noch nicht im Internetz dokumentiert.

Sollte Fabio Fognini am Freitagabend in Wien Lust gehabt haben, Tennis zu spielen, ist sie ihm jedenfalls schnell vergangen. Im zweiten Satz spielte Ferrer staubtrocken seinen Stiefel herunter und marschierte geradeaus ins Semifinale.

Knapper ging es in der Partie davor her, als Ernests Gulbis den Kroaten Ivo Karlovic nach 102 Minuten mit 7:6(4), 7:6(5) niederrang. Der Lette trifft im Halbfinale auf den US-Amerikaner Steve Johnson, der in einer sehenswerten Partie Kevin Anderson aus Südafrika und damit die Nummer zwei Wiens mit 5:7, 7:6 und 6:4 aus dem Turnier warf. Ferrer bekommt es mit Gael Monfils zu tun. Der Franzose mühte sich mit dem Tschechen Lukas Rosol über drei Sätze, gewann schließlich 6:7(3), 6:3, 6:3. (Florian Vetter, 23.10.2015)

  • Souveräner Auftritt der Nummer eins von Wien, David Ferrer.
    apa/neubauer

    Souveräner Auftritt der Nummer eins von Wien, David Ferrer.

  • Ernests Gulbis schmückt nach langer Zeit wieder mal eine Semifinale.
    foto: apa/ neubauer

    Ernests Gulbis schmückt nach langer Zeit wieder mal eine Semifinale.

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