Raúl Perrone: Die Poesie der Peripherie und der Urwälder

23. Oktober 2015, 19:30
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Mit dem Argentinier Raúl Perrone würdigt die Viennale einen Unabhängigen des Kinos mit einem Tribute. Die Tagediebe seiner ersten Filme hat er zuletzt gegen Fantasiewelten eingetauscht

Weil Raúl Perrone ein wirklich unabhängiger Filmemacher ist, hat es rund zwanzig Jahre gedauert, bis man ihn außerhalb Argentiniens gebührend zur Kenntnis nahm. Wäre er nur ein dieser Kleinkinokonfektionskunsthandwerker, mit deren (zumeist Euro-subventionierten, deshalb tendenziell bestens im Weltrechtehandel vernetzten) Produkten der Festival- wie Arthouse-Markt seit mehr als einer Dekade dauerbedient wird, dann hätte man relativ sicher schon sein Debüt zur Kenntnis gebracht bekommen sowie die folgenden zwei, drei Werke – und dann höchstwahrscheinlich nichts mehr.

So funktioniert das nämlich, und das sollte man auch ruhig einmal zur Sprache bringen anlässlich der wohlverdienten Würdigung eines "auteur", der diese Spielchen nie mitgemacht hat, sondern stattdessen wie besessen für sich allein, mit einer kleinen Gruppe von Freunden und Vertrauten, unter Verwendung billigster Technologien vor sich hin experimentierte, seinen Weg gesucht hat.

Das Verwehen der Zeit

Sackgassen inklusive – zum System Perrone gehört auch, einen angefangenen Film liegenzulassen und ihn vielleicht niemals zu beenden. Seine offizielle, etwas um die dreißig (lange und kurze) Werke umfassende Filmografie verleiht deshalb nur eine Ahnung von seiner Produktivität wie Kreativität – Perrone macht ständig Filme, nur wird nicht alles davon auch ein Stück Kino. Ein weiterer Luxus, den die wahre Unabhängigkeit mit sich bringt: Man kann auch mal etwas sein lassen.

Das Gros der Filme Perrones entstand in den Straßen des Buenos Aires nahen Städtchens Ituzaingó: niedrige Häuser, desinteressiert in die Landschaft gestreckte Straßen, durchaus grün, allerlei an Brachen. Die Protagonisten gehören normalerweise zu jenen achtzig bis neunzig Prozent der Bevölkerung, denen wenig bis nichts gehört – was vielen von ihnen aber egal zu sein scheint, sicherlich den Tagedieben seiner Frühwerke wie Labios de churrasco (1994) und dessen Fortschreibung Graciadió (1997).

Womit man bei einem wesentlichen Bestandteil der Perrone-Poesie wäre: der Zeit, deren Verwehen. Die Filme selbst erfreuen durch ihre Liebe zur Dauer, da können einzelne Szenen sich auch schon einmal über zwanzig Minuten hinweg entwickeln, in einer einzigen Einstellung. Aber es vergeht auch Zeit zwischen den Filmen, die Darsteller werden älter, ihre Charaktere machen allerhand mit im Leben.

Nähe zum Dokumentarischen

Exemplarisch durchgearbeitet wird das zwischen Graciadió und Ocho años después (2005): In Letzterem treffen sich die Protagonisten des ersten Films nach einigen Jahren wieder, beschnüffeln einander, erzählen aus ihren jeweiligen Leben oder lügen auch darüber; dazu kommt, dass sich hier wie in vielen anderen Werken Perrones die Darsteller – fast! – selber geben. Perrone spielt oft mit dieser Unschärfe zum Dokumentarischen.

Zur Zehnerwende dieses Jahrhunderts, mit unter anderem Los actos cotidianos (2010) und Las pibas (2012), scheint Perrone gemerkt zu haben, dass er seine bisherigen ästhetischen Prinzipien zur Gänze ausgeschöpft hat. Das führt zu einer so radikalen wie fundamentalen Wende in seinem Werk. P3ND3JO5 (2013) ist ein extrem stilisierter Abschied von seiner Welt der vor- und innerstädtischen Außenseiter, von deren Energie und Lebenswut: ein Skater-Musical ohne Dialog, aber mit viel Musik und Choreografie. In Favula (2014) beginnt Perrone seine Geschichten in merkwürdigen, mit schlichten Computertechnologien zurechtcollagierten Fantasiewelten zu situieren: Favula spielt in einem Urwald, Samuray-s (2015) in einem an Kinugasa Teinosuke erinnernden Schwertadel-Japan, Hierba (2015) in einer Landschaft zwischen impressionistischer Malerei und Jahrhundertwende-Kitschpostkarten.

Nachdem sich Raúl Perrone zwei Dekaden lang der Erforschung des Lumière'schen Strangs des Kinos gewidmet hat, scheint er nun zu den anderen Anfängen des Films, zu Méliès, vordringen zu wollen. Wahrlich: ein Abenteurer. (Olaf Möller, 24.10.2015)

  • Fortschreibung einer Geschichte von Menschen, denen wenig bis nichts gehört: In "Graciadió" kehrt Raúl Perrone in die Straßen des Städtchens Ituzaingó zurück.
    foto: viennale

    Fortschreibung einer Geschichte von Menschen, denen wenig bis nichts gehört: In "Graciadió" kehrt Raúl Perrone in die Straßen des Städtchens Ituzaingó zurück.

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