"Francofonia": Seenot auf dem Ozean der Zeit

23. Oktober 2015, 19:19
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Alexander Sokurows funkelnder Louvre-Film "Francofonia"

Ein Frachter treibt in einem wütenden Sturm durch den Atlantik, beladen mit Containern voller Kunst, mit Gemälden und Skulpturen der vergangenen viertausend Jahre. Als Auftraggeber dieser Reise inszeniert sich in Francofonia der russische Regisseur Alexander Sokurow selbst. Immer wieder unterbricht er seinen mäandernden Film, um mit dem Schiffskapitän via Skype die Lage zu verhandeln, sieht die haushohen Brecherwellen, die alles in die Tiefe zu reißen drohen, wenn das Schiff nicht bald seinen Kunstballast abzuwerfen beginnt.

Kein Zufall, sondern Methode, dass in dieser Geschichte vom drohenden Untergang der Kunst aus dem Malstrom zugleich wieder anderes Material auftaucht: wie die Geschichte von Graf Wolff-Metternich, deutscher Aristokrat und hoher Wehrmachtsoffizier, der 1940 die Kunstschätze des Pariser Louvre für die deutschen Besatzer sichern (und gegebenenfalls verschleppen) sollte, aber sich im Einvernehmen mit dem französischen Direktor des Museumspalasts für ihren Schutz entschied. Sokurows Film erzählt von diesen beiden Männern, von der "offenen Stadt" Paris, vom europäischen Porträt in hundert Schattierungen und damit von der jahrhundertelangen Geschichte des Louvre selbst.

Millionen von Putin

Francofonia ist ein unberechenbarer, funkelnder Film, abwechselnd düster und komödiantisch, der sich seinen eigenen Begriff von der Kunstgeschichte und der Politik macht: Ausschnitte aus deutschen Wochenschauen können bruchlos in Spielfilmszenen übergehen, Paris-Postkarten beleben sich, selbst die französischen Nationalikonen Marianne und Napoleon springen aus den Bildern und beginnen Dialoge mit ihrem Regisseur zu führen. Mühelos gelingt es Sokurow, Dokubilder oder recherchiertes Material mit reiner Fiktion zu vermischen und vor dort wieder in abstrakte Reflexion zu wechseln.

Auf einer der Gegenwart sehr viel näheren Ebene steckt darin vielleicht auch ein kleines Selbstporträt des Regisseurs, der über sein eigenes Verhältnis zur Macht nachdenken will. Als nach seiner Trilogie über Lenin, Hitler und Kaiser Hirohito (Taurus, Moloch, Die Sonne) die Finanzierung von Faust (2011) nicht vorankam und das teure Projekt zu scheitern drohte, erzählte er Putin bei einer Audienz von seinen Nöten. Ein paar Wochen später hatte Sokurow einen Scheck über zehn Millionen Euro von einer Petersburger Kulturstiftung auf dem Tisch.

Die Distanz zu Putins Politik ist Sokurow dem Vernehmen nach dennoch geblieben, aber es bleibt ein schwieriges Geschäft, "die Kunst über den Ozean der Zeit zu schleppen", wie es in Francofonia einmal heißt. Alexander Sokurows Essayfilm (finanziert mit französischem Geld) ist, so betrachtet, ein sehr europäisches Panorama – genau das richtige Format für ein Museum wie den Louvre. (Robert Weixlbaumer, 23.10.2015)

27. 10., Gartenbau, 20.30 1. 11., Stadtkino, 11.00

  • Deutsch-französische Kulturgutallianz: Sokurows "Francofonia".
    foto: viennale

    Deutsch-französische Kulturgutallianz: Sokurows "Francofonia".

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