"Religiöse Dinge haben mich schon immer berührt"

Interview23. Oktober 2015, 19:07
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Der uruguayische Filmemacher Federico Veiroj, dem die Viennale eines ihrer Specials widmet, im Gespräch über katholische Doppelbilder, Axel Corti und andere Echos aus der Filmgeschichte

STANDARD: Ihr neuer Film "El Apóstata" erzählt von einem nicht mehr ganz so jungen Mann, der alle Energien in einen amtlichen Kirchenaustritt im katholischen Spanien investiert. Steckt in dieser Komödie auch erneut ein Stück Autobiografie?

Veiroj: Meine beiden ersten Filme haben schon viel mit mir zu tun, aber keiner hat eine Geschichte erzählt, die mir selbst so widerfahren wäre. El Apóstata ist eine Fabel, ein Märchen. Die Inspiration kommt hier aus dem Leben meines Hauptdarstellers Álvaro Ogalla, der versucht hat, in Madrid aus der Kirche auszutreten. Seine Erzählungen, die konkret auch die Basis zweier Episoden im Film waren, gaben den Anstoß: Ein Mann versucht, einen Teil seines Lebens hinter sich zu lassen, die Kirche, die Tradition, aber im selben Augenblick muss er sich dadurch erst recht mit dieser Tradition auseinandersetzen.

STANDARD: Formal betrachtet gehen auch Sie einen Dialog mit der Tradition ein. In seinen surrealistischen Momenten kann einen "El Apóstata" an Buñuels bitteren Humor erinnern.

Veiroj: Wenn ich Filme mache, folge ich eigentlich nur meinem Instinkt, aber dazu gehören natürlich auch Inspirationen aus der Filmgeschichte: Hier waren es La prima Angélica (1974) von Carlos Saura (in dem sich Kindheitserinnerungen und Gegenwart des Helden überlagern, Anm.) und Die Audienz (1971) von Marco Ferreri (worin ein junger Mann beharrlich eine Audienz bei Papst Paul VI. begehrt, Anm.). Aber die Inspirationen reichen auch weiter. Da Sie aus Österreich sind: Ich bin ein großer Fan von Axel Corti.

STANDARD: Oh, das ist doch überraschend!

Veiroj: Ich bin in der Arbeit in der Cinemathek in Madrid auf ihn gestoßen. Es gibt viele großartige österreichische Regisseure, aber Corti mag ich ganz besonders. Seine Filme drehen sich auch immer wieder um Figuren, die sich selbst mit der Tradition konfrontieren.

STANDARD: Ihr eigenes Spiel mit der Tradition setzen Sie auf der Tonspur fort, wenn Sie Musik aus der Filmgeschichte auftauchen lassen.

Veiroj: Wir haben eine Aufnahme eines Klavierstücks, das der Dichter Federico García Lorca selbst spielt, aber auch Soundtracks aus der Ära der Franco-Diktatur, die mir in meiner Arbeit in der Cinemathek von Madrid vertraut waren. Und Kompositionen von Sergei Prokofjew für Eisensteins Alexander Newski (1938). Mich haben Elemente interessiert, die zugleich auf der Fantasie-, der Vergangenheits- und der Gegenwartsebene funktionieren.

STANDARD: Damit schlagen Sie auch eine Verbindung zu "La vida útil" (2010), Ihrem atmosphärischen Entwicklungsdrama über einen Mitarbeiter der Kinemathek von Uruguay. Darin ist das Prokofjew-Stück explizit Thema.

Veiroj: Danach hat mich noch keiner gefragt, das gefällt mir. Aber wir haben es nicht gemacht, um an den Film anzuschließen, sondern weil ich das Stück einfach liebe. Ich versuche, den Effekt herzustellen, dass Zuschauer eine solche Musik vage wiedererkennen, aber nicht genau einordnen können.

STANDARD: Sie haben vorhin gesagt, dass die Filme nicht wirklich autobiografisch seien, aber andererseits hat auch "La vida útil" als Geschichte über einen jungen Mann begonnen, der von Madrid nach Uruguay zurückkehrt. Auch bei Ihrem Spielfilmdebüt "Acné" (2008), der von den Pubertätsnöten eines Jungen aus dem jüdischen Bürgertum von Montevideo erzählt, kann man sich fragen, ob das Ihre eigene Lebenswelt ist, die Sie da abbilden.

Veiroj: Acné ist schon nahe an meiner Geschichte, das hätte alles auch mir passieren können. Aber das sind eher punktuelle Inspirationen, von denen aus die Filmstoffe sich weiterentwickelt haben. Das gilt auch für La vida útil. Es ist nicht meine Geschichte, aber sie ist voller Elemente aus meiner Erfahrung: Ich kenne natürlich die Atmosphäre der Kinemathek, ich habe da gearbeitet, das ist mein Leben.

STANDARD: Lag der Sprung von Montevideo ins katholische, spanische Universum von "El Apóstata" nahe?

Veiroj: Ich bin mit einer jüdischen Identität aufgewachsen. Ich bin überhaupt nicht religiös, aber Dinge, die mit Religion oder Tradition zu tun haben, haben mich dennoch schon immer berührt. Die Fülle dieser Zeichen in Spanien, die religiösen Elemente, die Orte, die Kunst, die fand ich zugleich schockierend und schön. Und ich habe eine Verbindung zu den Menschen da, zu Freunden und Familie. Tatsächlich stammt eine Hälfte meiner Familie aus der sephardischen Tradition, die aus Spanien in der Zeit der Inquisition vertrieben wurde. Ich fühle mich dem insgesamt sehr nah. El Apóstata ist auch kein religiöser Film, sondern er erzählt von einem Mann in einem Konflikt. Aber diese Geschichte musste schon in Spanien gedreht werden.

STANDARD: Uruguay hat halb so viele Einwohner wie Österreich. Ich stelle mir vor, dass es nicht einfach ist, da als junger Cinephiler eine reguläre Infrastruktur für eine Ausbildung zu finden.

Veiroj: Ich habe Soziale Kommunikation in Uruguay studiert, mit einem audiovisuellen Schwerpunkt. Auf einer Filmhochschule war ich nur ein Semester lang. 1998 begann ich, selbst Kurzfilme zu drehen, und habe dabei zum ersten Mal selbst Film angefasst. Auf der Viennale werden auch einige dieser kurzen Arbeiten zu sehen sein. Ich bin als Teenager in die Kinemathek gegangen, die in La vida útil zu sehen ist. Ich habe das fortgesetzt, als ich in Spanien im Filmarchiv gearbeitet habe. Es gibt heute so viele Filme mit so viel Impact und so wenig Inhalt. Das bringt viele Regisseure dazu, das nachmachen zu wollen, was lächerlich ist, wenn man sich nicht im US-Markt bewegt. Man kann sich auf so viele Weisen dem Kino nähern. Ich bin mit Buñuel, Bresson, Antonioni, Mizoguchi, Kurosawa und Ozu großgeworden. Das war meine Ausbildung.

Federico Veiroj, geboren 1976 in Montevideo, ist ein uruguayischer Filmemacher, der drei Spielfilme und zahlreiche Kurzfilme realisiert hat.

  • Regisseur Federico Veiroj lernte in der  Kinemathek.
    foto: apa

    Regisseur Federico Veiroj lernte in der Kinemathek.

  • Ein Mann  möchte aus der katholischen Kirche austreten und stößt dabei auf anhaltenden Widerstand – auch in Gestalt dieses Hendlhaxen zerkauenden Kirchenbeamten: Die Komödie  "El Apóstata" ist Federico Veirojs jüngster Film.
    foto: viennale

    Ein Mann möchte aus der katholischen Kirche austreten und stößt dabei auf anhaltenden Widerstand – auch in Gestalt dieses Hendlhaxen zerkauenden Kirchenbeamten: Die Komödie "El Apóstata" ist Federico Veirojs jüngster Film.

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