Ich bin doch kein Vergewaltiger!

Kolumne27. Oktober 2015, 10:13
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Konsenstraining: Warum auch Männer etwas über sexuelle Gewalt lernen können, die meinen, mit dem Problem nichts zu tun zu haben

"Ich muss nicht beigebracht bekommen, wie ich kein Vergewaltiger werde. Das weiß ich von vornherein, so wie die überwältigende Mehrheit der Menschen, die Ihr und ich kennen. Brandmarkt mich als bigott, Frauenverächter, Vergewaltigungsverharmloser, es ist mir egal. Ich stehe zu meinem Wort."

Der junge Mann, der diese Zeilen schreibt, ist der britische Student George Lawlor, und er spricht damit aus, was viele andere junge Männer denken. Lawlor wurde via Facebook zu einer "I Heart Consent"-Trainingseinheit (Ich liebe Einvernehmlichkeit) eingeladen und fühlt sich gründlich missverstanden sowie zu Unrecht beschuldigt. Kann man nicht einfach ein Mann an einer britischen Universität sein, ohne die Teilnahme an solchen Kursen aufgezwungen zu bekommen, die scheinbar von vornherein davon ausgehen, dass Männer alle potenzielle Vergewaltiger sind, die nur durch korrektive Belehrung von ihrem Standardverhalten abzubringen sind? Seine Ausführungen über die Unsinnigkeit krönt er mit einem Bild von sich, auf dem er ein Schild mit der Aufschrift "So sieht ein Vergewaltiger nicht aus" hochhält.

Das Aussehen sagt gar nichts

Sehr schade. So nachvollziehbar Lawlors Ärger darüber ist, qua Geschlecht für eine Person gehalten zu werden, die Belehrungen braucht, um nicht zum Vergewaltiger zu werden, so letztklassig sind seine Ausführungen diesbezüglich. Tatsächlich zeigt er genau den erschreckenden Mangel an Kenntnis über die Problematik, die ihn für solche Kurse qualifiziert. Was könnte er dort lernen? Zunächst einmal hätte man ihn darauf hingewiesen, dass sein äußeres Erscheinungsbild überhaupt nichts darüber aussagt, ob er ein Vergewaltiger ist oder nicht. Mit Sicherheit wäre das auf eine sehr viel freundlichere Art und Weise geschehen als in den Reaktionen auf sein Statement.

Man hätte ihn darüber hinaus auf die Fakten zu (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen in Europa aufmerksam gemacht und darauf, was sie bedeuten. Eine von drei Frauen hat seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Jede zweite Frau war mit einer oder mehreren Formen der sexuellen Belästigung konfrontiert. Das heißt, dass (sexualisierte) Gewalt und Übergriffigkeit für Frauen allgegenwärtig sind. Das heißt auch, dass eben nicht nur leicht als gewalttätig zu identifizierende Männer die Täter sind, sondern auch Freunde, Bekannte, Verwandte und Kommilitonen. Männer, die deshalb durchschnittlich wirken, weil Gewalt gegen Frauen so alltäglich ist. Männer, die so aussehen wie George Lawlor. Männer, die so aussehen wie ich.

Einvernehmliche Sprache finden

Die Zumutung, als die der Student die Teilnahme an einem Kurs empfindet, der geschlechtsübergreifend Menschen darin schult, zu einer einvernehmlichen Sprache zu finden und diese bei anderen zu respektieren, besteht eigentlich in seiner mangelnden Vorstellungskraft und seiner Ignoranz. Ignoranz für die Realität, mit der sich ein großer Teil seiner weiblichen Mitmenschen Tag für Tag konfrontiert sieht. Mangelnde Vorstellungskraft hinsichtlich der Tatsache, dass sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen nicht etwa kaum vorstellbare Ausnahmefälle darstellen, sondern mit furchtbarer Regelmäßigkeit angetan werden. Im eigenen Zuhause. Auf öffentlichen Plätzen. Im Café um die Ecke. Auf einem Universitätscampus.

George Lawlor hat bereits Nachahmer gefunden und es werden gewiss noch weitere folgen.

Sie wollen sich nicht als Vergewaltiger beschimpfen lassen und bewundern ihn für seinen Mut, in Zeiten politischer Korrektheit nicht das verlangte opportune Verhalten an den Tag zu legen. Ganz besonders feiern sie ihn für seine Kritik daran, dass sich in solchen Einvernehmlichkeitsseminaren sowieso nur Leute einfinden, die sich dafür selbst auf die Schulter klopfen. Kein potenzieller Vergewaltiger, so führt er aus, würde dadurch von seinem Tun abgebracht. Aber selbst wenn es so wäre: Zum einen bräuchte man nach der Logik auch keine begleitenden Erste-Hilfe-Kurse zur Fahrerlaubnis oder einen Feueralarm zu Übungszwecken. Die, die das draufhaben, kriegen das auch schon vorher hin, und die anderen lernen es sowieso nicht so richtig.

Und zum anderen geht es nicht um Schwarz oder Weiß, sondern um notwendige Differenzierungsarbeit in der riesigen Grauzone dazwischen. Es geht nicht darum, Männer als Monster zu diffamieren, sondern sie für ein schwerwiegendes Problem zu sensibilisieren. Die Teilnahme an einem solchen Kurs ist nicht etwa zu viel verlangt, sondern verdammt nochmal das Mindeste, was Mann tun kann. (Nils Pickert, 27.10.2015)

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