Eine tiefere Stimme bedeutet weniger Sperma

23. Oktober 2015, 18:06
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Brüllaffen tragen ihren Namen ganz zu Recht. Nun zeigt sich, dass die Männchen mit den tiefsten Stimmen besonders kleine Hoden haben

Cambridge/Wien – Brüllaffen gehören – nomen est omen – zu den lautesten Tieren des Planeten. Ihre Lautäußerungen in Regenwäldern Zentral- und Südamerikas werden als eine Mischung aus Feuerwehrsirene und tiefem Metal-Gitarrensolo beschrieben. Akustisch beeindruckend ist das affige Gebrüll allemal.

Männchen können durch besonders laute Schreie größer erscheinen, als sie tatsächlich sind. Das ist aus zwei Gründen wichtig: Die Tiere verteidigen durch das Gebrüll ihr Revier. Und Weibchen finden Männchen mit tiefen Stimmen besonders attraktiv.

Verantwortlich für diese namensgebende Fähigkeit sind die langen Stimmbänder und ein einzigartiges Zungenbein. Während die Stimmbänder gleichsam wie die Saiten eines Instruments fungieren, ist das Zungenbein quasi der dazugehörige Resonanzkörper. Je größer das Zungenbein, desto tiefer ist das Gebrüll.

Größere Zungenbeine ...

Ein internationales Forscherteam unter Beteiligung des Kognitionsbiologen und Tierstimmenexperten Tecumseh Fitch von der Uni Wien hat nun herausgefunden, dass diese Zungenbeine extremen Variationen unterliegen. Wie sich bei der Untersuchung von mehr als 200 Exponaten aus Museen in Europa und den USA zeigte, war das größte Zungenbein 14-mal größer als das kleinste.

Das machte die Forscher um Jake Dunn (Uni Cambridge) neugierig. Warum gibt es so große Unterschiede? Und hängen die womöglich noch mit anderen Eigenschaften als dem Gebrüll zusammen? Tatsächlich fanden die Biologen noch ein weiteres Organ mit ähnlicher Schwankungsbreite: die Hoden.

... oder größere Hoden

Allerdings haben nicht die Männchen mit dem tiefsten Brüllen die größten Hoden, sondern genau umgekehrt, wie die Forscher im Fachmagazin "Current Biology" schreiben. Und zwar gilt das vor allem für jene Brüllaffenarten, bei denen nur ein Männchen in der Gruppe lebte.

Es scheint also so zu sein, als ob es eine Kosten-Nutzen-Abwägung gibt: "Die Männchen ,investieren' entweder in ein Gebrüll mit tieferer Frequenz oder in größere Hoden, die mehr Sperma produzieren", so Jake Dunn. Denn die Kosten eines mächtigen Stimmapparats dürften so hoch sein, dass die Energie für größere Hoden einfach nicht mehr reicht. Es könnte freilich auch das mächtige Gebrüll zur Abwehr von Rivalen so effizient sein, dass es gar nicht nötig ist, größere Hoden zu entwickeln.

Mit ihren neuen Erkenntnissen bestätigen die Forscher jedenfalls einen von Charles Darwin vorhergesagten Effekt sexueller Selektion: Dieser besagt, dass Arten in der Fortpflanzung oft Kompromisse zwischen Merkmalen eingehen, die im Wettbewerb um Partner vorteilhaft sind, und jenen, die der Befruchtung selbst dienen. (Klaus Taschwer, 24.10.2015)

  • Zwei männliche (schwarz) und zwei weibliche Brüllaffen in Aktion. Eine tiefe Stimme geht bei den Männchen auf Kosten der Potenz.
    foto: mariana raño

    Zwei männliche (schwarz) und zwei weibliche Brüllaffen in Aktion. Eine tiefe Stimme geht bei den Männchen auf Kosten der Potenz.

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