"Iraqi Odyssey": Ein Land mit vielen Onkeln und Tanten

26. Oktober 2015, 08:00
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Der Filmemacher Samir bereist in "Iraqi Odyssey" die Geschichte seiner Familie

Wien – Können einzelne Familien die Verwerfungen einer ganzen Nation darstellen? Im Fall von jener des Schweizer-irakischen Filmemachers Samir, deren voller Name Jamal al Din lautet, ist man geneigt, dies zu bejahen. Deren Mitglieder sind heute auf mehrere Kontinente verteilt – Auckland, Neuseeland, und die russische Hauptstadt bilden die entferntesten Pole -, ein Ereignis der Diaspora, die wiederum unmittelbar mit den sich über Jahrzehnte streckenden politischen Erschütterungen und Kriegen im Irak zusammenhängt.

Auf der letzten Berlinale präsentierte Samir, der mit Forget Baghdad 2002 bereits einen wichtigen Film über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Irak (und Israel) realisiert hat, eine 160-minütige Langfassung von Iraqi Odyssey, die, unüblich für Dokumentarfilme, auf 3-D gedreht wurde. Ins Kino kommt nun jedoch nur eine knapp 90-minütige Version, ohne den dreidimensionalen Spin. Das ist ein wenig schade, da man ihr durchaus ansieht, dass sie bei der Vielzahl an Charakteren sehr verdichtet arbeiten muss.

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Dennoch führt Samirs Spurensuche, die ihn wie der griechische Sagenheld über mehrere Ozeane führt, auch in dieser Form eindrucksvoll vor, wie Familien zum Spielball (inter-)nationaler Konflikte werden können. Schon Samirs Großvater, ein Richter, hat sich nach der Revolution von 1958 gegen die von den Briten gestützte Monarchie politisch engagiert. Die Nähe zu den Kommunisten, deren ideologisches Gewicht der Nachkomme nicht allzu hoch einschätzt, wurde einigen Familienmitgliedern nach dem Erstarken der nationalistischen Baath-Partei zum Verhängnis; spätestens der Terror von Saddam Husseins Geheimdienstapparat motivierte die meisten von ihnen dazu, das Land zu verlassen.

Nie wieder zurückkehren

Doch die Rekonstruktion der irakischen Tragödie bildet nur eine Seite dieses Films. Mindestens ebenso beredt erzählen Samirs Onkel und Tanten davon, wie die verlorenen Utopien und die verschütteten Traditionen des Vielvölkerstaats mit ihnen ins Exil mitgereist sind. Samirs eigener Vater heiratete eine Schweizerin und zog seine Kinder in der Alpennation auf. Doch irgendwann war die Sehnsucht nach der Heimat doch zu groß. Immer noch erinnert sich der Sohn heute daran, wie der Vater nachts auf dem Teppich liegend den melancholischen Balladen von Radio Kairo gelauscht hat.

Den Bruch mit den Traditionen, die zivilisatorische Amnesie in der islamischen Welt beklagte Navid Kermani unlängst in seiner viel diskutierten Friedenspreis-Rede. In Iraqi Odyssey lässt sich dieser Verlust anhand einer einzelnen Familie nachvollziehen, die Vielfalt und Offenheit repräsentiert. Die meisten sind heute überzeugt, nie wieder zurückzukehren. Die Fabulierlust ist ihnen geblieben, und davon zehrt nicht zuletzt dieser Film. (Dominik Kamalzadeh, 26.10.2015)

Jetzt im Kino

  • Der Irak als Familienalbum der Verwerfungen: Samirs  Halbschwester Souhier in "Iraqi Odyssey".
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    Der Irak als Familienalbum der Verwerfungen: Samirs Halbschwester Souhier in "Iraqi Odyssey".

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