Grazer Opernintendantin: "Die Menschen nehmen Anteil"

Interview24. Oktober 2015, 18:00
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Nora Schmid über die Zusammenarbeit mit Musikchef Dirk Kaftan

STANDARD: Gerd Bacher hat den ORF als eine "Orgel" bezeichnet, auf der er nur allzu gern spielte. Ist die Grazer Oper für Sie etwas Ähnliches, ein riesiges Instrument zum Ausdruck Ihres künstlerischen Gestaltungswillens?

Schmid: Ich würde es eher als ein Orchester bezeichnen. Ich bin teamorientiert, nehme Impulse aus meinem "Orchester" auf und treffe dann Entscheidungen, wohin es gehen soll.

STANDARD: Eine Ihrer wichtigsten Entscheidungen ist die Erstellung eines Spielplans. Worauf haben Sie hier geachtet?

Schmid: Mir war es wichtig, die Hörgewohnheiten der Stadt zu erkunden. Daraufhin habe ich mir überlegt, was für dieses Haus interessant sein könnte, neu zu zeigen. Gleichzeitig wollte ich in meiner ersten Spielzeit Dinge aufgreifen, in denen sich die Grazer Musikgeschichte spiegelt. Franz Schrekers Oper Der ferne Klang ist hier 1924 erstmals in Österreich aufgeführt worden. Nach dem schwerblütigen Fernen Klang wollte ich mit Rossinis Il barbiere di Siviglia eine temporeiche musikalische Komödie präsentieren.

STANDARD: Mit Richard Heubergers Operette "Der Opernball" steht im November ein Werk eines gebürtigen Grazers auf dem Spielplan.

Schmid: Genau. Dann haben wir auch mit dem Schubert-Ballettabend für Und der Himmel so weit eine Graz-Verbindung. Schubert hat hier glückliche Zeiten verbracht und wollte auch eine Oper für Graz komponieren. Der Abend bleibt aber nicht bei ihm stehen: Die Komponistin Isabel Mundry hat von uns einen Kompositionsauftrag bekommen und wird Teile der Musik schreiben.

STANDARD: Das Werk mit dem stärksten Bezug zur Gegenwart ist "Die griechische Passion" von Martinu mit ihrer Flüchtlingsthematik. Haben Sie bei der Auswahl dieses Stückes geahnt, wie aktuell dieser Stoff werden könnte?

Schmid: Der Umgang mit dem Fremden, die Angst vor Verlust, vor dem Unbekannten – das ist ein Urthema der Menschheit. Dass sich die Lage dermaßen zuspitzen wird, wussten wir zum Zeitpunkt der Entscheidung vor zwei Jahren natürlich noch nicht. Schön bei dem Stück ist, dass es nicht Partei ergreift, sondern die Problematik differenziert schildert und von allen Seiten betrachtet.

STANDARD: Sie präsentieren in Ihrer ersten Spielzeit neue Regiekräfte.

Schmid: Es gab in den letzten zehn, fünfzehn Jahren viele Regisseure, die oft wiedergekommen sind. Und da fand ich es einfach spannend, den Fächer weiter zu öffnen und neue Regieteams nach Graz zu bringen, die teilweise international schon sehr angesehen sind.

STANDARD:: Wie kommen Sie mit Musikchef Dirk Kaftan klar?

Schmid: Kaftan ist ein Dirigent, der das Theater liebt. Ein Glücksfall, denn er wurde bestellt, bevor klar wurde, dass ich Intendantin werde. Wir haben aber gleich gemerkt, dass wir viele gemeinsame Ideen haben.

STANDARD: Wie ist die finanzielle Situation?

Schmid: Unser Etat ist für die nächsten fünf Jahre gedeckelt. Das ist nicht optimal, wenn man etwa an die steigenden Fixkosten denkt, aber es beschert uns eine Planungssicherheit für einen längeren Zeithorizont.

STANDARD: Sie sind in Bern groß geworden und leben jetzt in Graz. Gibt es Gemeinsamkeiten?

Schmid: Beides sind nicht die größten Städte, man kommt schnell miteinander ins Gespräch. Ich werde hier in Graz fast jeden Tag angesprochen, in der Apotheke, auf dem Markt, beim Bäcker. Das ist in einer größeren Stadt sicher nicht so, und ich finde es wundervoll, dass die Menschen an unserer Arbeit so Anteil nehmen! (Stefan Ender, 24.10.2015)

Nora Schmid (37) wurde in Bern geboren und studierte Musik- und Betriebswissenschaften. Nach Stationen als Dramaturgin am Theater an der Wien und an der Semperoper ist sie seit dieser Spielzeit Intendantin der Oper Graz.

  • Die Grazer Opernintendantin Nora Schmid: "Man kommt schnell miteinander ins Gespräch.
    erwin scheriau

    Die Grazer Opernintendantin Nora Schmid: "Man kommt schnell miteinander ins Gespräch.

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