Es geht nicht um konservativ oder fortschrittlich

Kommentar der anderen23. Oktober 2015, 17:24
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Die Bischofssynode tagt derzeit in Rom, mit Spannung werden Entscheidungen erwartet. In Wahrheit geht es dagegen um mehr: ob sich die Kirche des Geistes gegen die organisierte Kirche durchsetzt

Der Sieg des bis in jede Einzelheit durchorganisierten Religionssystems war nur ein scheinbarer, die spirituelle Kirche ließ und lässt sich nicht verdrängen. Sie inspirierte für sich allein zu allen Zeiten unzählige Menschen in der Kirche, nicht nur deren Heilige, sie veranlasste zu vielfachem heiligem Tun. Sehr oft wich dieses von dem ab, was vorgeschrieben war. Die Kirche der Inspiration ist ungebunden und frei. Sie kommt leichtfüßig einher, gar tanzenden Schrittes, während sich die Institution Kirche unter der Last ihrer Gebilde mühsam dahinschleppt. Nun entsetzt beobachtend, dass sie trotz aller Anstrengungen nicht recht weiterkommt, während ihr die vom Geist Erfassten davoneilen, nach vorn blickend, nicht selten auch zurückwinkend und zum Nachkommen ermunternd.

Vorschrift versus Spiritualität

Immer wieder wird gesagt, es gäbe Fortschrittliche und Konservative. In Wahrheit gibt es die Zugehörigkeit zur Vorschriftenkirche auf der einen und zur spirituellen Kirche auf der anderen Seite. Ganz kann man nicht in beiden beheimatet sein, man muss sich entscheiden, wo man wohnen und wohin man in erster Linie blicken will, auf Gott oder auf die in seinem Namen von Menschen konstruierten Gebilde.

Zurzeit tagt eine Bischofssynode in Rom. Einberufen von einem Papst, der sich sogleich als Bewohner der spirituellen Kirche deklariert hat, und das mit aller eindrucksvollen Deutlichkeit!

Alle warten, ob nun Entscheidungen über bestehende und womöglich zu ändernde Regelungen erfolgen. Doch das ist in Wahrheit belanglos. Vorschriften haben nur in der organisierten Kirche Bedeutung, aus der bereits eine Massenflucht eingesetzt hat – entweder durch das Verlassen oder durch ein Sich-innerlich-Loslösen und Ignorieren. Beschlüsse der Institution Kirche sind für die Kirche des Geistes ohne Bedeutung, auch wenn sie in feierlicher Versammlung herbeigeführt werden.

Sie sind heute nur mehr Selbstzweck einer total veralteten Glaubensbürokratie. Sie erfolgen zur Befriedigung oder zum Entsetzen von Bischöfen, die nicht nur geografisch aus verschiedenen Welten kommen. Ansonsten sind sie schon deshalb belanglos, weil kaum jemand Kirchengeboten irgendeine Wichtigkeit für sein Leben beimisst.

Was in Wahrheit Bedeutung hat, ist das höchst spannende Aufeinandertreffen beider Kirchenmodelle in Rom. "Siegen" wird dieser Tage wohl niemand, aber es wird für die Zukunft der Kirche von sehr großer Bedeutung sein, ob im so weiten Land des Glaubens eine Orientierung der Versammlung erkennbar ist und in welche Richtung sie erfolgt.(Herbert Kohlmaier, 23.10.2015)

Herbert Kohlmaier (80) ist Leiter der katholischen Reformbewegung "Laieninitiative". Er war Abgeordneter zum Nationalrat (ÖVP), Generalsekretär der ÖVP, Bundesobmann des ÖAAB und bis zum Jahr 1995 Volksanwalt.

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