Eine Jüdin im Vatikan, versteckt vor den Nazis

23. Oktober 2015, 17:33
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Das Buch entwirft das Bild einer Frau, die in zwei Welten reüssierte, die zu der Zeit Männern vorbehalten waren: der Welt der Wissenschaft und jener im Vatikan

Die erste Frau im Vatikan war eine Jüdin. Dieser Satz in einem Interview war der Ausgangspunkt für Recherchen der Journalistin Gudrun Sailer, die seit 2003 im deutschsprachigen Programm von Radio Vatikan in Rom arbeitet. Sie fand noch mehr schier Unglaubliches heraus: Hermine Speier war Jüdin. Die Archäologin hatte nach der Machtergreifung Hitlers ihre Stelle am Archäologischen Institut verloren und fand 1934 Schutz im Vatikan. Papst Pius XI. wusste über die Beschäftigung einer Jüdin als Fotothekarin in der Direktion der Päpstlichen Museen Bescheid. Insgesamt drei Päpste schützten sie. 1939 trat sie zum katholischen Glauben über. Die nationalsozialistische Besatzung Roms überlebte Speier versteckt in einem Nonnenkloster.

"Immer katholischer" wurde sie nach eigener Einschätzung hinter den Mauern des Kirchenstaates, wo sie bis zu ihrer Pensionierung arbeitete. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde sie sogar Anhängerin des überwundenen lateinischen Ritus. Eine Freundin verpasste ihr den Spitznamen "Monsignorina".

Die aus Niederösterreich stammende Radiojournalistin Sailer hat aus umfangreichem Archivmaterial diese Biografie erarbeitet. Sie konnte Speiers Nachlass sichten, darunter viele Briefe. Das Buch ist mit akribischen Quellenhinweisen versehen und entwirft das Bild einer Frau, die in zwei Welten reüssierte, die zu der Zeit Männern vorbehalten waren: der Welt der Wissenschaft und jener im Vatikan.

Bis zu ihrem Tod 1989 lebte sie in Rom. Sie unterstützte jüngere Archäologie-Kollegen, auf ihrer Dachterrasse im Stadtteil Trastevere gab es lebhafte Diskussionen im Kreise der "Rom-Deutschen". Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz zählte zu ihren Freundinnen, der damalige Nationalheld Italiens, General Umberto Nobile, war ihr Verlobter. Speier war eine schillernde Persönlichkeit. (Alexandra Föderl-Schmid, 23.10.2015)

Gudrun Sailer, "Monsignorina. Die deutsche Jüdin Hermine Speier im Vatikan". € 20,40 / 382 Seiten. Aschendorff-Verlag, Münster,2015

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