Die Quantenrepublik

Kommentar der anderen23. Oktober 2015, 17:16
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Wieso Österreichs Neutralität nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit besteht

Österreich oder besser gesagt die Zweite Republik verdankt ihre völkerrechtliche Existenz dem Staatsvertrag, den ihre Repräsentanten bekanntlich am 15. Mai 1955 gemeinsam mit den Vertretern der alliierten Siegermächte unterzeichnet haben. Voraussetzung für das Zustandekommen des Staatsvertrages wiederum war die Zusage Österreichs, seine Neutralität zu erklären. Das entsprechende Verfassungsgesetz wurde am 26. Oktober desselben Jahres verabschiedet und dieser Tag zum Staatsfeiertag erklärt.

Leider ist die Existenz der Republik Österreich – und das ist landläufig wenig bekannt – genau aus diesem Grund maximal eine virtuelle. Oder treffender formuliert: eine quantenmechanische.

An der Wende zum 20. Jahrhundert erkannten Wissenschafter um Max Planck, Niels Bohr und Werner Heisenberg, dass viele der offenen Fragen der Physik nur zu beantworten seien, wenn man postulierte, dass Energie nicht kontinuierlich, sondern in kleinen Portionen, "Quanten" genannt, transportiert wird. Diese Quantentheorie führte zu großer Skepsis, weil die Erklärungen, die sie lieferte, darauf beruhten, dass sich Elementarteilchen so verhalten, dass eine exakte Vorhersage über ihren jeweils gegenwärtigen Aufenthaltsort unmöglich war. Sie folgen nur mehr den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit. Darin widersprachen die quantenphysikalischen Theorien den Erfahrungen des alltäglichen Lebens. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Denn durch die Anwendung der Quantentheorie schienen auch Materieteile jene Eigenschaft verloren zu haben, die Jahrhunderte lang dazu gedient hatte, sie einwandfrei als solche zu definieren – nämlich die Fähigkeit, gegeneinander zu stoßen. Unter bestimmten Versuchsanordnungen reagieren Photonen, Elektronen, ja sogar Atome und kleine Moleküle nämlich gleichzeitig wie Billardkugeln, die kollidieren, und wie Wasserwellen, die einander überlagern. Dieser Dualismus ging als "Heisenbergsche Unschärferelation" in die Wissenschaftsgeschichte ein.

Und hier kann auch die Parallele zur fraglichen oder fragwürdigen Existenzgrundlage Österreichs gesehen werden. Denn die österreichische Neutralität (und somit die Grundlage für den existenzbegründenden Staatsvertrag) besteht nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Dies deshalb, weil sich die österreichische Neutralität, ähnlich wie die Eigenschaften "Ort" und "Geschwindigkeit" von Quanten sofort auflöst, wenn man versucht, sie festzumachen. Ähnlichkeiten mit Schrödingers Katze, die solange gleichzeitig lebendig und tot ist, bis niemand den Deckel der Stahlkammer, in der sie sich zusammen mit einer quantenmechanischen Höllenmaschine befindet, öffnet und nachsieht, drängen sich auf.

Wie entstand dieses Paradoxon? Zur Klärung dieser Frage muss man das Völkerrecht bemühen. Dieses besagt sinngemäß, dass eine einseitige Ausrufung der Neutralität dieselbe nicht automatisch juristische Wirklichkeit werden lässt; sie bedarf vielmehr der aktiven "Garantieerklärung" anderer (Nachbar-)Staaten und im Falle Österreichs der alliierten Mächte. Im Moskauer Memorandum vom 15. April 1955 verpflichteten sich Österreichs politische Repräsentanten dazu, nach Unterzeichnung des Staatsvertrages eine internationale Anerkennung seiner von sich aus zu erklärenden Neutralität anzustreben. Tatsächlich kam es aber nach der Verabschiedung des identitätsstiftenden Verfassungsgesetzes über die immerwährende Neutralität Österreichs zu keiner Garantieerklärung durch einen der Sieger- oder Nachbarstaaten. Deshalb waren beispielsweise der Transport von amerikanischen Bergepanzern durch Österreich im Februar 1991 und die Teilnahme an NATO-Manövern möglicherweise kein Bruch der Neutralität. Österreich ist eben "das Land zwischen den Gedankenstrichen" oder – wie unlängst in der "ZEIT" zu lesen war – "die Möglichkeit in der Mitte". Denn sein Neutralitätsgesetz ist eine Option, eine Wahrscheinlichkeit; es weist eine quantenmechanische "Unschärfe" auf, die dadurch endgültig in einen Zustand "völkerrechtlich neutral" oder "völkerrechtlich nicht-neutral" gekippt werden könnte, indem jemand eine Art völkerrechtliche "Feststellungsklage" einbrächte oder – Gott behüte – ein Verteidigungsfall einträte, wie ihn Hugo Portisch im Zusammenhang mit Optionen für die militärische Beendigung des Bürgerkrieges in Syrien beschrieben hat. Das allerdings bedeutete auch das Ende der quantenphysikalischen oder – um es mit Robert Menasse zu sagen – der "Entweder-und-oder-Politik", die diese Zweite Republik so treffend charakterisiert. (Andreas Schindl, 23.10.2015)

Andreas Schindl geboren 1968 in Wien, ist Arzt und Autor. Zuletzt erschien von ihm "Korvettenkapitän & Mundwäscherin – Was man in Wien einmal werden konnte"

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